Eine Stadt ohne Selbstbewusstsein

Stadtparlament soll Platz machen Ausgabe vom 29. August 2015

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In den mittelalterlichen Städten war das Rathaus, der Ort, wo der städtische Rat tagte, das prachtvollste Gebäude in der Stadt. Es war Ausdruck der städtischen «Freiheit» und des bürgerlichen Selbstbewusstseins. In St. Gallen hat das Parlament nach der Stadtvereinigung von 1918 jahrelang in gemieteten Räumen getagt, auch im Grossratssaal. 1963 hat es im restaurierten und gänzlich erneuerten ehemaligen Kaufhaus einen repräsentativen Ort gefunden, der der Bedeutung eines städtischen Parlaments gerecht wurde. Nachdem am 21. September 1963 der Gemeinderat im neuen Saal eine feierliche Eröffnungssitzung abgehalten hatte, fand abends auf dem Bohl ein «Waaghaus-Fest» statt, an dem 20 000 Personen teilnahmen. Sie bekundeten ihre Freude und ihren Stolz, dass das demokratische Organ der Stadtrepublik endlich in einem würdigen Bau tagen konnte.

Nun geht es darum, für 20 000 Franken eine elektronische Abstimmungsanlage einzubauen beziehungsweise das Waaghaus nach 50 Jahren zu renovieren und zu erneuern. Das scheint gewissen Volksvertretern zu teuer zu werden. Der städtische Rat soll wie vor 50 Jahren wieder im Kantonsratssaal tagen und das Waaghaus anderen Nutzungen zugeführt werden. Für mich ist das die endgültige Aufgabe eines städtisch-demokratischen Selbstbewusstseins. Man kann nur hoffen, dass die Autolobbyisten bezüglich Waaghaus nicht noch eine Idee von 1958 aufwärmen und verlangen, «das unschöne Gebäude» abzureissen, damit wir «Platz für eine verkehrstechnisch günstige Lösung» haben.

Eine Stadt, die in der Ostschweiz eine Führungsrolle spielen will, muss seinem Parlament einen Rahmen geben, der würdig ist und der neuen Anforderungen an Technik und Transparenz gerecht wird.

Max Lemmenmeier

Kantonsrat SP

Herbrigstrasse 6, 9011 St. Gallen