Eine skurrile Entdeckungsreise

Der Lindenplatz ist voll. Etwa 120 Personen stehen am Samstagabend bereit, ohne zu wissen, was sie in den nächsten zwei Stunden erwartet. Zum zwölftenmal haben Werner Müller und Regina Nusch zur «schrägen Stadtführung» geladen.

Linda Müntener
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«Gut Ding will Weile haben» – ein Denkmal für Gottlieb Kündig. (Bilder: lim)

«Gut Ding will Weile haben» – ein Denkmal für Gottlieb Kündig. (Bilder: lim)

Der Lindenplatz ist voll. Etwa 120 Personen stehen am Samstagabend bereit, ohne zu wissen, was sie in den nächsten zwei Stunden erwartet. Zum zwölftenmal haben Werner Müller und Regina Nusch zur «schrägen Stadtführung» geladen. Eine unkonventionelle Entdeckungsreise durch die Hafenstadt, die ihrem Namen alle Ehre macht.

Ein Walzer für Alphörner

Werner Müller gibt, mit Megaphon ausgerüstet, den «Marschbefehl». Erster Halt ist auf dem Parkplatz hinter der Firma Regatron. Hier warten zwei Alphornvirtuosen aus der bergischen Schweiz – «dem 28. Kanton der Schweiz, gleich nach dem 27., dem Vatikan», wie Roland Pütz erklärt. Mit Duettpartner Ralf von Tegelen gibt er ein etwas anderes Alphornkonzert, bei dem innovative Kompositionen wie der «Walzer für Alphörner» zu hören sind. Für die nötige Portion Tradition werden Teilnehmer der Führung kurzerhand als Fahnen- und Glockenschwinger eingespannt.

Komik ohne Worte

Weiter geht es zum Areal der Dachdeckerfirma Streule und Alder. Ein grosses Garagentor öffnet sich, und hinter dem schwarzen Vorhang tritt das Duo Tamburi Pazzi hervor. Dessen slapstickartig gespielten Alltagsszenen sind an Skurrilität kaum zu überbieten – sei es eine Mücke auf Nahrungssuche oder das Melken einer unwilligen Kuh. Den beiden Komikern gelingt es, einzig mit ihrer ausdrucksstarken Mimik und Gestik das Publikum zum Lachen zu bringen.

Gut gelaunt setzen sich die Teilnehmenden wieder in Bewegung. Die Menschenmasse überquert die Promenadenstrasse – was anhaltende Autofahrer sichtlich irritiert – und gelangt schliesslich in einen privaten Garten an der Seminarstrasse. Hier wird den Teilnehmenden ein Apéro serviert.

Denkmal für Gottlieb Kündig

Danach geht es auf schmalen Pfaden weiter ins Quartier Steintal, dem Höhepunkt der diesjährigen Stadtführung entgegen. Vor einem Mehrfamilienhaus-Rohbau, mit Baugerüst eingekleidet, steht Heier Rothenfluh. Der pensionierte Schulleiter trägt ein selbst verfasstes Gedicht vor. Es ist eine bissig-charmante Hommage an alle Maler, Musiker oder Architekten, die mit sich selber ringen und die ihre Werke nie vollendet haben. Er spricht von Mozart, Michelangelo, den Architekten des Berliner Flughafens, aber auch von jemandem aus unseren Reihen. «Jemand, nicht weltbekannt und trotzdem interessant», sagt Rothenfluh verheissungsvoll. Er dreht sich um und enthüllt ein Denkmal zu Ehren des Rorschacher Immobilienhais und Anker-Besitzers Gottlieb Kündig. «Auf dass er einst Einsicht kriege und den Rohbau endlich besiege.»

Valter Rado vom Duo Tamburi Pazzi unterhält das Publikum mit seiner Mimik und Gestik. (Bild: Rudolf Hirtl oceandesign@bluewin)

Valter Rado vom Duo Tamburi Pazzi unterhält das Publikum mit seiner Mimik und Gestik. (Bild: Rudolf Hirtl oceandesign@bluewin)

Roland Pütz (l.) und Ralf von Tegelen geben ein Alphornkonzert auf dem Parkplatz. (Bild: Rudolf Hirtl oceandesign@bluewin)

Roland Pütz (l.) und Ralf von Tegelen geben ein Alphornkonzert auf dem Parkplatz. (Bild: Rudolf Hirtl oceandesign@bluewin)