Eine Schallplatte aus der Grauzone

Drei Jahre sind der St. Galler Niklaus Reichle und der Bündner Ronny Hunger durch die Schweiz gereist. Resultat ist unter anderem eine Schallplatte mit Songs von Garagenbands. Den Abschluss der Reise feiern sie am Freitag im «Palace».

Nina Rudnicki
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Noch ohne farbige Punkte: Ronny Hunger (links) und Niklaus Reichle mit dem Cover ihrer Garagenband-Schallplatte, die am Freitag im «Palace» getauft wird. (Bild: pd)

Noch ohne farbige Punkte: Ronny Hunger (links) und Niklaus Reichle mit dem Cover ihrer Garagenband-Schallplatte, die am Freitag im «Palace» getauft wird. (Bild: pd)

An diesem Nachmittag ist der St. Galler Niklaus Reichle gefragt. Seit er am Morgen über sein gemeinsames Projekt mit Ronny Hunger informiert hat, klingelt sein Telefon immer wieder. Die beiden Ostschweizer haben unter dem Label «La Suisse Primitive» eine «Schallplatte aus der Grauzone» herausgebracht. Nun sitzt Reichle im Atelier «Büro Analog» in der St. Galler Altstadt, das er mit zwei Mitstreitern teilt.

Gerade ruft ein Journalist des «Vice-Magazins» an. Er möchte wissen, was Reichle und Hunger während der vergangenen drei Jahre in der Schweizer Garagen-band-Szene so erlebt haben. So lange haben Reichle und Hunger sich mit dem musikalischen und kreativen Schaffen dieser Gruppen beschäftigt. Resultat: eine Schallplatte, Stadtgeschichten und eine Ausstellung, in der Plakate von Ronny Hunger gezeigt werden. 2014 wurde er für eine seiner Plakatserien mit dem Schweizer Designpreis ausgezeichnet.

Ein Dokument der Zeit

Jetzt sind Reichle und Hunger zum Abschluss ihres Projektes durch die Schweiz getourt. Sie haben einige Stationen ihrer dreijährigen Reise nochmals besucht – etwa Genf, Lugano, Zürich und Kreuzlingen. Diesen Freitag soll ihre Schallplatte jetzt im Rahmen einer fiktiven «Radio Show» im «Palace» in St. Gallen getauft werden.

«Es ist mehr als eine Schallplatte. Es ist ein Hybrid aus Text, Grafik und Ton», sagt Reichle über das Projekt, welches das kantonale Amt für Kultur mit einem Beitrag unterstützt hat. Die Musik stehe nicht alleine im Vordergrund. Grafik und Text seien genauso wichtig. «Die Platte ist als Zeitdokument angelegt», sagt Reichle, während er die Hülle aufschlägt.

Auf über drei Seiten sind dort Stadtgeschichten abgedruckt. «Zusammen mit der Musik stellen sie im übertragenen Sinne eine Kartographie der Schweizer Lo-Fi-Szene dar.»

Verlassene Wohnung als Club

So enthält der Tonträger etwa Songs der Genfer Band Mama Rosin, von Shady & The Vamp aus Luzern oder The Monsters aus Bern. Die dazugehörigen Stadtgeschichten erzählen, wie dort die jeweilige Szene entstanden ist. Wann und an welchen Orten Schlüsselpersonen und -bands aufgetaucht sind. «Alles hat sich dabei stets zwischen Illegalität und Legalität abgespielt. Es sind Musik und Geschichten aus den Randbereichen, den Grauzonen der jeweiligen Städte», sagt Reichle. In Lugano etwa gebe es einen Club, der eigentlich eine verlassene Wohnung sei. Küche, Schlafzimmer und Stube würden aber noch immer wie bewohnt aussehen. In Zürich fand sich das Pendant in einer Tiefgarage. Und in Kreuzlingen trifft man sich in einer «Konstanzer Enklave», dem Horst-Club. «Dort ist alles so viel billiger, dass die deutschen Clubgäste nach Kreuzlingen kommen. Ein Strom also in die «entgegengesetzte Richtung», sagt Reichle.

Vom Hafenbuffet in «Tankstell»

Über St. Gallen erfährt man wie sich die Szene von Rorschach aus dem Hafenbuffet und dem «Mariaberg» mit der Zeit nach St. Gallen in die «Tankstell», den «Schwarzen Engel», das «Rümpeltum» und schliesslich in die Millionaires-Bar verlagert hat. Letztere ist ein privater und später zum Club umfunktionierter Proberaum.

Drei Jahre lang habe das Projekt auch gedauert, sagt Reichle, weil es Zeit gebraucht habe, die Akteure in den einzelnen Städten dazu zu bringen, Geschichten aus ihren Randgebieten zu schreiben. Und um die Bands zu überzeugen, für die Schallplatte neue, im Idealfall noch unveröffentlichte Songs zu liefern.

Minimalistisch gepunktet

Von der Schallplatte haben Reichle und Hunger 1000 Exemplare anfertigen lassen. Das Cover ist minimalistisch in Weisstönen gestaltet, mit einigen darauf festgeklebten bunten Papierpunkten. Eine Idee von Hunger, der sich dabei vom Nachtleben hat inspirieren lassen. «Wenn ein DJ auflegt, hat er schnell mehr als 2000 Platten zu Hause», sagt Reichle. «Die einzelnen Songs hat er dann oft mit den farbigen Punkten markiert, um sich zu orientieren.» Die Punkte symbolisieren denn auch einen Kreis, der sich schliesst. Kennengelernt haben sich die Akteure rund um die Schallplatte unter anderem bei einem DJ-Marathon des Zürcher Radios Lora.

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