Eine Liebe, die nie verwelkt

Alice und Christian Vetterli feiern ein äusserst seltenes Jubiläum. Seit 70 Jahren ist das Paar verheiratet. Die Fröhlichkeit und der Sport verbinden die beiden noch heute. Kleine Sticheleien können sie aber nicht lassen.

Angelina Donati
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Bei der Suche nach ihrem Hochzeitsfoto schwelgen Alice und Christian Vetterli in Erinnerungen. (Bild: Benjamin Manser)

Bei der Suche nach ihrem Hochzeitsfoto schwelgen Alice und Christian Vetterli in Erinnerungen. (Bild: Benjamin Manser)

ABTWIL. Mit einem Stapel Briefen im Arm und einem Lächeln im Gesicht öffnet Christian Vetterli die Eingangstüre für den Besuch. In der Wohnung wartet mit einem ebenso strahlenden Gesicht seine Frau Alice. Die beiden haben allen Grund zur Freude, konnten sie doch am Dienstag ihren 70. Hochzeitstag feiern. Ein Jubiläum der seltenen Art, wie sie sich selbst bewusst sind. Auf die Frage, ob sie ihr Hochzeitsfoto noch besitzen, zucken die 90-Jährige und der 95-Jährige ratlos mit den Schultern. Und gleich darauf beginnen beide lautstark zu lachen. Zwei, die sich eben gefunden haben. «Unsere Hochzeit ist halt schon eine Weile her», sagt Alice Vetterli, worauf ihr Mann eifrig alte Alben durchzublättern beginnt.

Bescheiden, aber zufrieden

Gefunden hat das Abtwiler Ehepaar sein Hochzeitsfoto zwar nicht, beim Betrachten alter Fotografien schwelgt es dafür in schönen Erinnerungen. Die beiden schmunzeln über Frisuren, die man früher trug, amüsieren sich über die Kleidung und erkennen sich auf einigen Bildern kaum mehr wieder. «Wie schnell doch die Zeit vergeht», sagt Alice Vetterli und seufzt. Nörgeln sei aber ganz und gar nicht ihre Art. Schon in jungen Jahren hat sie gelernt, die Dinge zu schätzen und mit dem zufrieden zu sein, was man hat. «Früher musste man mit wenig Geld auskommen, umso bescheidener waren daher die Ansprüche.» Lange Zeit war Alice Vetterli im Volksbad in St. Gallen tätig, wo sie als Aufsichtsperson oder beim Putzen mithalf. Später leitete sie das «Milchhüsli» auf Drei Weieren. Christian Vetterli lernte Schuhmacher und eröffnete einige Jahre danach eine eigene Werkstatt beim Platztor in St. Gallen. Obwohl die Tage lang und anstrengend waren, hat ihm die Arbeit stets Freude bereitet.

Ansteckendes Lachen

Freude, Harmonie und eine gewisse Leichtigkeit macht auch die Beziehung des Paares aus. «Streit gibt es bei uns nie», erzählt Alice Vetterli, und ihr Mann pflichtet ihr bei: «Wir lassen es gar nicht so weit kommen.» Allerdings gehören kleine Sticheleien zum Alltag der Vetterlis. Sie sind sozusagen die Würze in ihrer Beziehung. So fällt immer wieder ein Spruch mit ironischem Unterton. Ernst gemeint aber ist keiner. Sobald sich ihre Blicke treffen, verzücken die beiden mit ihrem ansteckenden Lachen. Das fröhliche Gemüt ist es, das das Ehepaar seit Beginn des Kennenlernens teilt und verbindet.

Eigenständig bleiben

Eine grosse Leidenschaft, der sich Alice und Christian Vetterli verschrieben haben, ist ausserdem der Sport. Aufgewachsen im Schorenquartier in St. Gallen, waren sie in der Jugendzeit Mitglied im Schwimmclub. Nebst den Trainings unter der Woche bestritten sie jeweils an den Wochenenden Turniere. «Damals haben sich die St. Galler regelmässig zum Schwimmen an der Sitter getroffen», erinnert sich Christian Vetterli. Dort, wo auch die Liebe des Abtwiler Ehepaars entflammte. Das liebevolle Umsorgen des Partners hält bis heute an. «D'Muätter», wie Alice Vetterli von ihrem Mann genannt wird, kocht und betätigt sich im Haushalt. Er hingegen, «dä Bappe», sei «Chefeinkäufer». Auch jetzt, da er nach einer Knieoperation einen Rollator benötigt, lässt er die Lebensmitteleinkäufe nicht aus. Währenddessen löst sie zu Hause Kreuzworträtsel. Beide schätzen die Eigenständigkeit im hohen Alter. Solange es noch gehe, wollten sie sich selber versorgen, wie sie erklären.

Familie hält zusammen

Eine grosse Stütze in ihrem Leben ist ausserdem ihr Sohn Christian. «Er kümmert sich rührend um uns», sagt Alice Vetterli. Der heute 69-Jährige besucht seine Eltern wöchentlich. Dann wird jeweils gejasst und viel gelacht – wie immer bei den Vetterlis. Stolz ist das Ehepaar auch auf seine beiden Enkel. Gegenseitiger Respekt und Humor sind wohl die wichtigsten Bestandteile, die ihre Beziehung lange blühen lassen. Wenn, dann verwelkt nur der Flieder, den sich die Jubilare zum Hochzeitstag geschenkt haben.