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Eine Gartenstadt – 50 Jahre verspätet

Die heutige Überbauung der Notkersegg gleicht verblüffend der hier 1913 geplanten Gartenstadt. Peter Stahlberger zeichnete an der Hauptversammlung des Quartiervereins Notkersegg die bauliche Entwicklung des Gebiets «Auf Wiesen» im 20. Jahrhundert nach.
Margrith Widmer

«Pleitegeier über der Gartenstadt» betitelte der Historiker und Publizist Peter Stahlberger seinen Vortrag über die Baugeschichte des Quartiers Notkersegg. Im Mittelpunkt standen der Grossgrundbesitzer Anton Egger und sein gescheiterter Versuch, auf Wiesen eine Gartenstadt zu errichten.

Grosser Coup: Die Gartenstadt

In der Blütezeit der Stickerei boomte die Stadt. 1910 zählten die damals noch selbständigen Gemeinden St. Gallen, Straubenzell und Tablat zusammen 75 000 Einwohner. Die Bautätigkeit erreichte eine Hausse. Vor allem in Tablat wurden viele Blockrandbebauungen geplant – und nur wenige vollendet. Noch heute zeugen sichtbare Brandmauern davon.

Der Engländer Ebenezer Howard (1850–1928) gilt als Erfinder der Gartenstadt. Die Schorensiedlung ist ein Beispiel. Anton Egger (1854–1937) wollte auf seiner Notkersegger Liegenschaft ebenfalls eine Gartenstadt errichten. Er war das siebte von 18 Kindern eines Landwirts. Seine Jugend liegt im Dunkeln. Aber er muss höchst geschäftstüchtig gewesen sein. 1900 betrug sein Vermögen rund 300 000 Franken. 1911 heiratete er die 28 Jahre jüngere Deutsche Maria Anna Deibler (1882–1952) – was offenbar viel Neid und Missgunst auslöste. Egger präsidierte lange den Bürgerrat und das Bezirksgericht von Tablat; ausserdem sass er zeitweise im Schulrat von Katholisch-Tablat, im Gemeinde- und im Kantonsrat: «Er war der König von Wiesen und der Kaiser von Tablat», sagte Peter Stahlberger.

Brutaler Sturz

1913 wurde der Überbauungsplan für die Gartenstadt «Auf Wiesen» vom Tablater Gemeinde- und kurz darauf vom St. Galler Regierungsrat genehmigt. Eggers Wohnhaus – heutige Adresse: Hardungstrasse 4 – war quasi als Eingangspforte gedacht. Der Gemeinderat lobte die Strassenführung, kritisierte die fehlende Kanalisation und forderte eine «hübsche architektonische Ausgestaltung».

Dazu kam es nicht: Krieg und die damit verbundene Stickereikrise setzten den Träumen ein brutales Ende. 1914 wurde der Konkurs eröffnet. Egger trat von allen Ämtern zurück. Zwar vermochte er die Pleite zunächst nochmals abzuwenden, verkrachte sich aber mit dem Geldgeber. 1917 wurden seine Liegenschaften konkursrechtlich versteigert und von der Stadt für 233 000 Franken erworben.

Wegen schuldhaften Konkurses wurde Egger für zwei Jahre das Aktivbürgerrecht aberkannt. Etwas Geld verdiente er als Rechtsberater und Ramschhändler mit Stickereien. Seine Frau arbeitete in einem Kurhaus als Masseuse. Für Peter Stahlberger ist Anton Egger eine «Shakespear'sche Figur» im Spannungsfeld von Liebe, Ehre, Macht und Geld.

Eine Bresche im grünen Ring

1960 wurde ein neuer Überbauungsplan «Auf Wiesen» erlassen; er enthielt wesentliche Elemente von Eggers Bebauungsplan, so die Strassenführung. Firstrichtung, Ziegelfarbe – «braun engobiert» – und vieles andere war vorgeschrieben. Das neue Quartier mit Einfamilienhäusern und Blöcken wurde zwischen 1961 und 1983 erstellt.

1960 gab es auch Kritik: Die Überbauung sei eine «Bresche im grünen Ring», beklagte sich Leserbriefschreiber R. G. im St. Galler Tagblatt. Peter Stahlberger «entlarvte» ihn als den Maler René Gilsi (1905–2002) – «ein Grüner avant le lettre». Gilsis Kritik forderte Widerspruch heraus. Man solle auch an die «vielen guten Steuerzahler» denken, schrieb ein anderer Leserbriefautor. Und er fragte rhetorisch: «Sollen etwa alle nach Teufen abwandern?»

Das Gartenstadt-Projekt von 1913 (gelb: Strassen, rot: Baulinien) und die heutige Notkersegg-Siedlung während der Bauphase 1966. (Bilder: Baudepartement des Kantons St. Gallen/Stadtarchive St. Gallen (Sammlung Kühne und Künzler))

Das Gartenstadt-Projekt von 1913 (gelb: Strassen, rot: Baulinien) und die heutige Notkersegg-Siedlung während der Bauphase 1966. (Bilder: Baudepartement des Kantons St. Gallen/Stadtarchive St. Gallen (Sammlung Kühne und Künzler))

«Wiesen-König» Anton Egger vor seiner Liegenschaft.

«Wiesen-König» Anton Egger vor seiner Liegenschaft.

Peter Stahlberger Historiker und Journalist (Bild: Ralph Ribi)

Peter Stahlberger Historiker und Journalist (Bild: Ralph Ribi)

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