Eine Gant ist amüsant

«Ich habe hier eine Kiste» – Gantchef Sascha Mäder schaut in den Karton und nimmt den ersten Gegenstand raus – «mit einem ferngesteuerten Auto. Dann drei Playstation-Controller, einen Schraubenzieher und» – Kunstpause – «ein Brecheisen.

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Fünfmal dieselbe Hose: Die Ausbeute von einer Gant. (Bild: Tobias Hänni)

Fünfmal dieselbe Hose: Die Ausbeute von einer Gant. (Bild: Tobias Hänni)

«Ich habe hier eine Kiste» – Gantchef Sascha Mäder schaut in den Karton und nimmt den ersten Gegenstand raus – «mit einem ferngesteuerten Auto. Dann drei Playstation-Controller, einen Schraubenzieher und» – Kunstpause – «ein Brecheisen.» Herzliches Gelächter schallt durch den Auktionssaal des Gantamts. Es ist Mittwochmorgen und Mäder versteigert gerade Gegenstände, die die Staatsanwalt konfisziert hat. Fälschungen, Schmugglerware, Konkursmasse und Diebesgut. Im Fall der genannten Kiste hat ein Einbrecher neben der Beute wohl auch sein Arbeitswerkzeug liegengelassen.

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Eine Gant ist keine Auktion bei Christie's. Um acht Uhr öffnet das Gantamt. Die Besucher haben dann eine Stunde Zeit, die Gegenstände zu begutachten. Die Stimmung ist zwar angespannt aber freundlich, die Kleidung locker und wer Hunger hat, der vertilgt im Saal das mitgebrachte Sandwich. Es gibt keine Bietertafeln, keinen Auktionshammer und keine anonymen Bieter, die ihre Gebote telefonisch abgeben.

Gewisse Regeln aber schon: Die Gegenstände gehen nach dreimaligem Anzählen an den Höchstbietenden. Dabei gilt: Wie gesehen, so gekauft. Das erweist sich vor allem bei den «Überraschungskartons» mit der Konkursmasse eines Kleiderladens als tückisch. Der Karton für günstige 36 Franken enthält zwar einige durchaus modische Stücke. Aber wer braucht schon fünfmal dieselbe grüne Hose?

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Eine Gant ist amüsant – und das liegt vor allem am Gantchef, der mit (unfreiwilligem?) Humor durch die Versteigerung führt. «Zehn dieser Stifte für die Augen, die Wimpern oder was auch immer für zwanzig Franken», preist er Kajalstifte an. Oder er packt auf zwei Jacken «zwei Pullover und fünf Dosen Bier» drauf. Natürlich mit der Plastiktasche, in der die Sachen einst beim Gantamt gelandet sind.

Es gibt Leute, die kommen nur an eine Gant, weil es da so lustig zu und her geht. Wie jene ältere Dame, die in der vordersten Reihe sitzt und strickt. «Ich komme regelmässig hierher. Es ist witzig, wie sich die Leute gegenseitig hochschaukeln», sagt sie. Tatsächlich schenken sich die etwa 60 Bieter nichts. Schon gar nicht, wenn es um Rasierklingen geht, die sonst ein Vermögen kosten. Ein dicker Mann hat seinen Spass daran, bei den Klingen ständig mitzubieten. Auch dann noch, als er längst drei Grosspackungen für dreissig Franken ergattert hat. «So lange leb ich gar nicht mehr, um die alle zu brauchen», scherzt er.

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Weniger beliebt sind die Briefmarkensammlungen. Der Saal leert sich rasch, als die dicken Bände am Ende unter den Hammer kommen. Sie stapeln sich vor den Verbliebenen zu wackligen Türmen. Nach dreieinhalb Stunden ist die letzte Sammlung versteigert. Und Sascha Mäder erschöpft, aber zufrieden. «Wir konnten fast alles versteigern», sagt er. Nur eine Brotschneidemaschine, mehrere TV-Receiver und ein alter Feldstecher sind übriggeblieben. Ihr Besitzer, eine Privatperson, wollte einfach zu viel dafür. Tobias Hänni

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