Eine Freundin auf Zeit

MÖRSCHWIL. Wenn ein Leben anfängt, ist Doris Manser da. Die Mörschwilerin bereitet werdende Mütter auf die Geburt vor, hört ihnen zu, nimmt ihnen die Angst. Die 46-Jährige ist aber weder Ärztin noch Hebamme. Sondern Doula.

Martina Kaiser
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Herzlichen Dank! Jedes Kärtchen erinnert Doris Manser an eine Geburt, an der sie teilhaben durfte. (Bild: Ralph Ribi)

Herzlichen Dank! Jedes Kärtchen erinnert Doris Manser an eine Geburt, an der sie teilhaben durfte. (Bild: Ralph Ribi)

Es ist mitten in der Nacht, das Handy klingelt. «Hallo Doris, könntest Du bitte vorbeikommen? Wir haben drei Geburten und sind nur zu zweit.» Doris Manser macht sich sofort auf den Weg ins Spital. Dort trifft sie auf eine ihr unbekannte Frau, die in den Wehen liegt. Und auf einen erschöpften Ehemann. Sie begrüsst beide, fragt, ob sie etwas dagegen hätten, wenn sie bei der Geburt dabei sei. Niemand hat etwas dagegen. Der Mann braucht eine Zigarette, Doris Manser hält der Frau währenddessen die Hand, kühlt ihre Stirn, massiert die Schultern. Die Geburt verläuft reibungslos. Einige Tage später besucht sie die junge Familie zu Hause. Dann erhält sie Post: «Herzlichen Dank» steht auf der Karte, der 3680 Gramm schwere Simon strahlt sie an. Die Eltern sind überglücklich und können ihr gar nicht genug danken. Obwohl Doris Manser eigentlich nichts getan hat. Einfach nur da war.

Jemand, der zuhört

Der kleine Simon strahlt heute noch von der Pinnwand in Mansers Küche. Er ist nicht der einzige: Die Doula – das griechische Wort für «Dienerin der Frau» – bewahrt alle Karten und Briefe ihrer Kundinnen auf. Eine Dienerin sei sie allerdings nicht, eher eine Freundin, sagt Doris Manser. «Eine Freundin auf Zeit.»

Die 46-Jährige hat bisher vier Frauen vor, während und nach der Geburt begleitet. Zuhören, informieren, die Ängste nehmen, das seien die eigentlichen Aufgaben einer Doula. Zuerst findet ein Gespräch mit der werdenden Mutter oder den zukünftigen Eltern statt. In der Regel im letzten Drittel der Schwangerschaft. «Man beschnuppert sich, lernt sich gegenseitig kennen», erzählt Doris Manser. Es sei wichtig, dass die Doula dem Paar sympathisch sei – und umgekehrt. Es folgen zwei weitere Gespräche, zahlreiche Fragen tauchen auf: «Wie muss ich das jetzt auffassen, wenn mir der Arzt sagt, dass ich ein enges Becken habe?» Manchmal will die werdende Mutter aber auch nur über ihre letzte Schwangerschaft sprechen, über Komplikationen, die es dabei gab, die es geben könnte. «Und manchmal brauchen die Frauen einfach nur jemanden, der zuhört, dem sie ihre Ängste anvertrauen können», sagt die Mörschwilerin. Und der ihnen helfe, sich zu entspannen. «Damit beispielsweise.» Sie wirft ein stachliges Bällchen in die Höhe. «Ein Stressball zum Massieren.» Die effektivste Entspannungsmethode sei jedoch die richtige Atemtechnik. «Dabei ist vor allem eins wichtig: Auf den eigenen Körper hören. Die Frauen dürfen und sollen ihre Emotionen beim Ausatmen einfach rauslassen», sagt Manser.

«Als wärst Du die Tante»

Danach heisst es warten. Auf die Wehen, auf die Ankunft des Kindes. Vier Wochen um den Geburtstermin ist die Doula rund um die Uhr erreichbar. Die werdenden Eltern entscheiden, ab wann die Doula dabei sein soll: schon zu Hause oder erst im Spital.

Einige Tage nachdem das Kind auf der Welt ist, besucht Doris Manser die Familie im Spital: «Etwas sehr Intimes», findet die 46-Jährige. «Es ist, als ob Du das Paar schon Dein Leben lang kennst, als ob Du das Gotti oder die Tante des Babys wärst.» Ein, zwei Monate später besucht die Doula die Familie zu Hause, erkundigt sich nach dem Befinden, berät die Mutter beim Stillen, den Vater beim Wickeln. «Vor allem die Mütter sind jeweils froh um meinen Besuch», sagt Doris Manser. «Sie fühlen sich nach der Geburt oft allein gelassen, manchmal auch überfordert mit der völlig neuen Situation.» Empathie, das sei in diesem Moment das Richtige. Nach dem Besuch herrscht meist Funkstille. Manchmal nur für einige Wochen. Manchmal für immer.

Minuten der Angst

Der Beruf hat aber auch seine Schattenseiten. Eltern Trost zu spenden, wenn das Kind noch vor der Geburt stirbt beispielsweise. Oder gleich danach. Das hat Doris Manser noch nie erleben müssen. Aber sie war dabei, als ein ungeborenes Baby einen Knoten in der Nabelschnur hatte. «Es war beängstigend», sagt sie. «Der Arzt hat immer wieder gesagt: Das Kind bekommt zu wenig Luft, das Kind bekommt zu wenig Luft.» Irgendwie hätten das die Eltern nicht mitbekommen. «Und ich dachte nur: Bitte, lieber Gott, lass alles gut werden.» Und es wurde gut.

Wie die Doulas – zurzeit sind es sieben in der Ostschweiz – mit schwierigen Situationen umgehen, lernen sie von Hebammen und anderen Doulas während ihrer Ausbildung. Jede Frau mit Geburtserfahrung kann Doula werden. Doris Manser selbst hat zwei Kinder. Wäre sie nochmals schwanger, was würde sie heute anders machen? Doris Manser zwinkert: «Mir eine Doula nehmen. Eine, die einfach nur da ist für mich.»

www.doula.ch