Eine Frage der Kommunikation

Die ersten Erfahrungen mit dem Energiekonzept 2050 sind positiv. Für Stadtrat Fredy Brunner ist der Umbau der Energieversorgung aber ein Prozess, der einen sehr langen Atem brauchen wird.

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Fredy Brunner Stadtrat St. Gallen (Bild: Quelle)

Fredy Brunner Stadtrat St. Gallen (Bild: Quelle)

Herr Brunner, freut Sie die Verleihung des Preises «Watt d'Or» ans erweiterte Energiekonzept 2050?

Fredy Brunner: Natürlich freut mich die Auszeichnung. Sie geht aber zuerst an alle Städterinnen und Städter. Ohne ihre Akzeptanz des Konzeptes und ohne ihre Zustimmung an der Abstimmungsurne zu Umsetzungsmassnahmen bliebe das Ganze toter Buchstabe. In zweiter Linie geht der Preis ans Team des Amtes für Umwelt und Energie, das hartnäckig und mit langem Atem am Konzept arbeitet. Gestartet wurde das Vorhaben ja noch vor meinem Amtsantritt.

Haben Sie den Preis erwartet?

Brunner: Nein, er ist eine Überraschung. Natürlich haben wir unser Energiekonzept für den Wettbewerb angemeldet. Wir haben aber gewusst, dass der «Watt d'Or» in jeder Kategorie in harter Konkurrenz vergeben wird.

Was bedeutet die Auszeichnung fürs Energiekonzept selber?

Brunner: Der Preis wurde von einer breit abgestützten Jury vergeben. Er ist damit eine Bestätigung, dass der energiepolitische Weg, den wir in der Stadt St. Gallen seit fünf Jahren gehen, jener ist, den auch der Bund einschlagen will. Er ist aber auch eine Bestätigung dafür, dass wir mit unserer Philosophie richtig liegen, und zwar nicht nur, was die Kommunikation mit der Bevölkerung, sondern auch was unser Ansatz mit dezentralen Projekten betrifft.

Das Energiekonzept ist umfangreich und kompliziert. Kann man so etwas der Bevölkerung wirklich näherbringen?

Brunner: Ja, das kann man. Die Ziele sind an sich einfach. Sie zu erreichen wird anspruchsvoll. Viele konkrete Projekte zur Umsetzung des Konzeptes – wie etwa das Blockheizkraftwerk Birnbäumen – sind in den Grundzügen rasch erklärt und leuchten auch ein. Das mindestens ist meine Erfahrung.

Das Blockheizkraftwerk Birnbäumen wird immer als konkretes Beispiel für die Umsetzung des Energiekonzeptes gelobt. Steht es allein auf weiter Flur?

Brunner: Nein, natürlich nicht. Das in Arbeit stehende Geothermie-Heizkraftwerk ist auch ein Resultat der ersten Fassung des Energiekonzeptes 2050. Wir beschäftigen uns daneben aber konkret auch mit der Schaffung von Energieverbünden. Einen wollen wir zusammen mit der Wirtschaft im Industriegebiet zwischen Winkeln und Gossau aufbauen. Einen anderen prüfen wir im Gebiet zwischen Stadtsäge, Kantonsspital und Olma. Solche Vernetzungen sind ein A und O unserer künftigen Energiepolitik. Sie helfen, Energie effizienter zu gewinnen und zu nutzen.

Wie erreicht die Stadt, dass die Bevölkerung und die Wirtschaft beim Energiekonzept 2050 mitzieht?

Brunner: Durch Überzeugungsarbeit. Die Stadt gleist mit dem Energiekonzept ein Programm auf, übt aber keinen Zwang damit aus, sondern versucht, Betroffene mit Überzeugungsarbeit zum freiwilligen Mittun zu motivieren.

Kann diese Strategie Erfolg haben?

Brunner: Aufgrund der bisherigen Erfahrungen glaube ich, dass wir Erfolg haben werden. In Teilen der Wirtschaft beispielsweise ist die Einsicht da, dass es Zusammenschlüsse braucht, wenn man bei der Energieversorgung weiter kommen will. Dies auch, weil viele das verbessert haben, was man als Einzelbetrieb in dem Bereich verbessern kann.

Und wie reagiert die Bevölkerung? Eine Nagelprobe dafür ist ja der laufende Umbau der Stromtarife.

Brunner: Die Akzeptanz der neuen Stromtarife ist gut. 80 Prozent wollen den neuen, besseren Standard-Strommix, 10 Prozent einen Mix, der noch besser ist. Nur 10 Prozent wollen zurück zum bisherigen Atomstrommix.

Ist das Energiekonzept 2050 nicht zu langfristig angelegt?

Brunner: Der Mensch denkt kurzfristig. 2050 ist für die allermeisten sehr weit weg. Wir versuchen da mit dem Energiekonzept Bewegung in etwas zu bringen, was einen sehr langen Zeithorizont hat. Die nötigen Veränderungen brauchen Zeit. Das ist ein ständiger Prozess, der die Stadt über Jahrzehnte beschäftigen wird. Letztlich handelt es sich um eine gesellschaftliche Aufgabe, ist also wiederum eine Frage der Kommunikation und von Überzeugungsarbeit.

Interview: Reto Voneschen