Eine durchzogene Bilanz

Hugenotten und Juden: Auch sie suchten einst Zuflucht in St. Gallen. Bei wem die Stadt tolerant war und bei wem nicht, hat Charlie Wenk auf einer Stadtwanderung erzählt. Und auch, warum St. Galler aus ihrer Stadt flüchten mussten.

Mirjam Bächtold
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Die Besetzung der Tschechoslowakei durch den Warschauer Pakt löste 1968 in der Schweiz und auch in St. Gallen eine Solidaritätswelle und Proteste aus. Im Bild ein sowjetischer Panzer und Demonstranten in Prag. (Archivbild: ky/Libor Hajsky)

Die Besetzung der Tschechoslowakei durch den Warschauer Pakt löste 1968 in der Schweiz und auch in St. Gallen eine Solidaritätswelle und Proteste aus. Im Bild ein sowjetischer Panzer und Demonstranten in Prag. (Archivbild: ky/Libor Hajsky)

Stadtgründer Gallus sei nicht sehr tolerant gewesen. Mit dieser Feststellung startete Charlie Wenk am Donnerstag seine Stadtwanderung über Toleranz im alten St. Gallen. Bevor der Wandermönch Gallus ins Steinachtal gekommen sei, habe er nämlich an diversen Orten heidnische Heiligtümer zerstört und habe danach prompt fliehen müssen. Erst in St. Gallen ist Gallus der Legende nach zum Einsiedler geworden. Tolerant zeigte sich dann vor allem Otmar, der Gründer und erste Abt des Klosters St. Gallen. Er baute etwa das erste Fremdenspital der Stadt, und zwar dort, wo sich heute das Haus «Zur Rose» befindet. Auch das Siechenhaus im Osten der Stadt liess Otmar bauen.

Schuld an der Pest

Eine Station der Stadtwanderung war – natürlich – die Synagoge im Bleicheli. Hier erzählte Wenk über die wechselvolle Geschichte der Juden in St. Gallen. «Am meisten Juden lebten im Mittelalter in der Stadt.» 1348 waren es rund 1000, doch dann brach die Pest aus, den Juden wurde unterstellt, daran Schuld zu sein, und man vertrieb sie. Ihre Häuser in Hinterlauben gingen in städtisches Eigentum über. Erst mit der Kantonsverfassung von 1861 durften Juden wieder in der Stadt leben. Bald darauf errichteten sie die erste Synagoge, und zwar im Innenhof des heutigen Coop City.

Charlie Wenk führte weiter zum Haus an der Wassergasse, wo Regina Ullmann gelebt hat. Sie war Jüdin und erhielt 1954 den ersten Kulturpreis der Stadt St. Gallen für ihr literarisches Schaffen. Im Zweiten Weltkrieg nahm St. Gallen viele jüdische Flüchtlinge auf. Trotz dieser Toleranz wurde aber in der Stadt dazu auch ein trauriges Kapitel geschrieben: Ein vermeintlicher Fluchthelfer fragte damals nach St. Gallen geflüchtete Juden über ihre Angehörigen im Ausland aus und gab die Informationen den Nazis weiter. Dass er als Spion und Spitzel tätig gewesen war, kam erst nach Kriegsende ans Tageslicht.

St. Galler Flüchtlinge

Die Stadtwanderung führte weiter zur Kirche St. Laurenzen, wo Charlie Wenk von der Reformation berichtete. «Vadian ist es zu verdanken, dass die Reformation hier im Vergleich zu anderen Städten einigermassen friedlich verlaufen ist. Es gab keine Toten», hob Wenk hervor. Durch die Reformation wurden aber die Katholiken aus der Stadt und die Nonnen aus den beiden Frauenklöstern vertrieben. St. Gallen «produzierte» so selber (Religions-)Flüchtlinge. Dafür zeigte sich die Stadtrepublik sehr tolerant, als im 16. und 17. Jahrhundert Hugenotten in grosser Zahl Zuflucht suchten. In einem Jahr kamen rund 1900 Flüchtlinge, was gemessen an der damals kleinen Stadtbevölkerung eine sehr grosse Zahl war. Das sei auch einer der Gründe gewesen, dass die St. Galler die Religionsflüchtlinge und Glaubensgenossen aus Frankreich nach einer ersten Versorgung «weiter schoben», sagte Charlie Wenk.

Böse Witze über Italiener

Wenig Toleranz und Offenheit erfuhren dagegen die Italiener in St. Gallen. Eine erste Welle von ihnen kam gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit in die Schweiz. Im Gleis- und Tunnelbau fanden sie diese. Sie lebten hauptsächlich in der Gemeinde Tablat, dem heutigen Osten der Stadt St. Gallen. Dort machten sie bis zu 30 Prozent der Bevölkerung aus. Dass sie nicht beliebt waren, zeigen rassistisch angehauchte Witze, die kursierten: «Warum muss der Papst ein Italiener sein? Damit einer weniger auf unseren Bahnhöfen herumlungert.»

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, mussten Hunderte Italiener zurück in ihr Land. Am Bahnhof St. Gallen herrschten teils chaotische Zustände. Wenk: «Als mehrere hundert Italiener am Bahnhof festsassen, weil es zu wenig Züge gab, zeigten sich dann aber doch einige St. Galler solidarisch und verpflegten die Gestrandeten.»

Und heute?

Auch heute gebe es in St. Gallen Toleranz, hielt Charlie Wenk am Donnerstag auf dem Rundgang fest. Für die heute hier weilenden Flüchtlinge in einer Zivilschutzanlage und in der Jugendherberge seien viele Spenden zusammengekommen. Einrichtungen wie das Solidaritätshaus, das Offene Haus in St. Fiden oder die Herberge zur Heimat kümmerten sich nicht nur um Flüchtlinge, sondern auch um sozial Benachteiligte.

Charlie Wenk Theologe und Stadtwanderer (Bild: Mirjam Bächtold)

Charlie Wenk Theologe und Stadtwanderer (Bild: Mirjam Bächtold)

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