Eine bedrohte Spezies

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Wieder ist ein Tag vergangen und wieder stand ich nur nutzlos am Bahnhof rum. Aber ich bin es ja gewohnt. Seit Jahren werde ich kaum benutzt und alles nur wegen diesen unsäglichen, rechteckigen Kästchen, in welche die Menschen pausenlos glotzen. Smartphones heissen die Dinger: Bereits wenn ich das Wort höre, schaudert es mich.

Früher stand ich nicht einfach nur auf dem Perron rum. Und ich war auch nicht die einzige meiner Spezies auf dem Platz. Wie Soldaten standen meine Artgenossinnen und ich in Reih und Glied und leisteten Dienst. Heute werde ich von einer Parkuhr und einem Postbriefkasten flankiert: wie peinlich. Und als ob dies nicht erniedrigend genug wäre, finden sie regelmässiger Verwendung als ich. Ja, sogar der Selecta- und der Fotoautomat, die ebenfalls bei uns stehen, erhalten mehr Besuch. Dabei war ich es doch, die Telefonkabine oder neuerdings Publifon, vor der die Leute einst Schlange standen.

Was habe ich nicht für Beziehungsdramen miterlebt. Es wurde in mir geschrien und geweint. Erfreuliches kann ich aber auch erzählen. Fernbeziehungen wurden dank mir aufrecht erhalten. Italienische Gastarbeiter konnten mit ihrer «mamma» sprechen. Und das Gelächter von Lausbuben nach einem geglückten Telefonstreich erheiterte mich stets. Ausserdem wurden mir unzählige Geheimnisse anvertraut, die ich auf ewig für mich behalten werde.

Dass ich nun bald aussterbe, stimmt mich traurig. Etwas vorwerfen kann ich aber niemandem: Ich erhielt einst ein digitales Telefonbuch, das jedoch bereits wieder entfernt wurde. Man konnte in mir SMS senden. Und seit 2009 schluckt das Telefon in mir auch wieder Münzen und ist statt eckig und klobig rund und geschmeidig.

So stehe ich weiterhin am Bahnhof rum und vegetiere vor mich hin. Täglich hoffe ich, dass am Bahnhof ein Akku eines Smartphones schlappmacht und dessen Besitzer den Weg zu mir findet. Bis es wieder so weit ist, geniesse ich die Sicht auf den Bodensee – oder was davon noch übrig ist. Denn seit mir das Würth-Haus vor die Nase gesetzt wurde, sehe ich nur noch einen kleinen Ausschnitt davon. Früher war offenbar wirklich alles besser. (arc)