Eine Ausstellung zum Anfassen

Das Textilmuseum St. Gallen zeigt in seiner Ausstellung «Vision Frühling Sommer 2017» die Stofftrends für das kommende Jahr. Die Muster und Materialien sind vielfältig. Bei den Farben gibt es eine überraschende Gemeinsamkeit.

Katharina Brenner
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Museumsdirektorin Michaela Reichel steht inmitten der Textilien, aus denen die Haute Couture im Frühjahr und Sommer 2017 gemacht ist. (Bild: Michel Canonica)

Museumsdirektorin Michaela Reichel steht inmitten der Textilien, aus denen die Haute Couture im Frühjahr und Sommer 2017 gemacht ist. (Bild: Michel Canonica)

Die Pailletten glitzern metall-, oliv- und lachsfarben. Der Stoff ist schwer und störrisch. «Erst wenn man ihn fühlt, kann man sich ein Bild davon machen, wie ein Kleid daraus aussehen könnte», sagt die Direktorin des Textilmuseums St. Gallen, Michaela Reichel, während sie mit der Hand über die Pailletten fährt. Der Stoff hängt in der Lounge des Museums neben anderen Textilien. Einige sind mit Blumenmustern bedruckt oder mit Ornamenten bestickt, andere sind schlicht. Neben dieser Wand stehen in der Lounge drei weitere, ebenfalls mit Textilien.

Die Art und Weise, wie sie hängen, erinnert ein bisschen an Geschirrtücher. Auf den ersten Blick mag die aktuelle Ausstellung «Vision Frühling Sommer 2017» des Textilmuseums St. Gallen deshalb enttäuschend wirken – doch nur auf den ersten Blick.

Von St. Gallen auf den Laufsteg

Aus den Stoffen ist die Haute Couture des kommenden Frühjahrs und Sommers gemacht. Und alle ausgestellten Textilien sind in der Schweiz produziert worden; einige in St. Gallen, etwa bei der Jakob Schlaepfer AG oder der Union AG. Traditionell kämen Stickereien aus der Ostschweiz, Gewebe aus dem Raum Zürich und Seidenbänder aus Basel, sagt Reichel.

Im Gegensatz zu den meisten Ausstellungen dürfen die Exponate hier angefasst werden. Das sollen sie gemäss Direktorin Reichel auch. «Die Besucher sollen ein Gefühl für die Textilien bekommen», sagt sie. Wenn man die Stoffe anfasse, merke man gleich, ob sie sich später an den Körper anschmiegen oder ob daraus ein ausladendes Kleid entstehen könnte. Und die ganz schweren Stoffe seien nicht für Kleidung, sondern für Möbel gedacht.

Stoffe für Kleider und Möbel

«Vielen ist gar nicht bewusst, dass nicht nur Textilien für Kleidung Trends unterworfen sind, sondern auch solche für die Inneneinrichtung», sagt Reichel. Das lilafarbene Stoffstück, das auf dem Boden liegt, ist nicht etwa heruntergefallen, sondern ein Teppichmuster, das im kommenden Jahr Wohnzimmer zieren könnte.

Denn die Ausstellung zeigt, welche Textilien im Frühjahr und Sommer 2017 im Trend liegen. Die Textilindustrie arbeite sogar zwei Jahre im voraus, sagt Reichel. Im Textilmuseum zeige man indes immer die Trends für das kommende Jahr. «Uns hat überrascht, dass die Farben so gedeckt sind», sagt Reichel. Pastell- und Beigetöne, aber auch Erdfarbenes bestimmen die vier Wände, an denen die Textilien hängen.

Trendforscher und Mode

Den Grund für diese Farbwahl der Produzenten kenne sie nicht, sagt Reichel. Die Trendforschung sei eine hochspezialisierte Arbeit. «Es ist eine gleichwertige Mischung aus Statistik, Marktforschung und Gespür.» Wenn es um Mode ginge, stünden Prognose und Nachfrage stets in einer Wechselwirkung. Wenn eine Modezeitschrift über die Trends für die kommende Saison berichte, schaffe sie damit den Trend letztlich erst.

Die Ausstellung «Vision Frühling Sommer 2017» orientiere sich an der Première Vision, daher auch der Name, sagt Reichel. Die Première Vision ist eine grosse internationale Trendmesse der Textilindustrie, die zweimal jährlich in Paris stattfindet.

Ab Herbst 2016 zeigt das Textilmuseum die «Vision»-Ausstellung für Herbst und Winter 2017 und 2018. Kurz davor, am 16. Oktober, endet die aktuelle Ausstellung. Wer nicht gerade grosses Pech habe und während der rund zwei Wochen Umbau das Museum besuche, könne das ganze Jahr über eine «Vision»-Ausstellung sehen, sagt Reichel.

Ausstellung «Vision Frühling Sommer 2017», bis 16. Oktober 2016, Textilmuseum St. Gallen, täglich geöffnet von 10 bis 17 Uhr.