Eine akrobatische Feier

Der Kantonsrat hat ihn am Montag zum Präsidenten gewählt, die Stadt lud am Dienstag zum grossen Fest. Ein Anlass, bei dem nicht nur Redner, sondern auch Zirkusakrobaten wirbelten.

Josef Osterwalder
Drucken
Rasante Einlage der «Tianjin Acrobatic Group» vom Circus Knie: Walter Lochers Gäste staunen über die Fingerfertigkeit der Artisten. (Bild: Coralie Wenger)

Rasante Einlage der «Tianjin Acrobatic Group» vom Circus Knie: Walter Lochers Gäste staunen über die Fingerfertigkeit der Artisten. (Bild: Coralie Wenger)

So locker können Parlamentarier sein. Erst noch rauchen im Kantonsrat die Köpfe, doch an der Präsidentenfeier schliessen sich die Reihen, am Tisch, am Buffet und beim Zapfhahn. Statt markanter Reden gibt es neckische Sprüche, Gegner werden zu Duz-Kollegen, das Parteiprogramm macht der Menukarte Platz. So wirkt denn auch die Präsidentenfeier für Walter Locher am vergangenen Dienstagabend: fröhlich und ungezwungen wie ein Sommerfest.

Eine Prise Stadtmarketing

Gut vierhundert Personen bewegen sich nach dem Apéro im Museum zum Athletik Zentrum, Familie, Mitglieder des Kantonsrats, des Stadtparlaments, Regierungsräte, Stadträte, Rotary-Freunde, Militärkameraden, Anwalts- und Richterkollegen.

Für die Wohngemeinde des Präsidenten ist die Ausrichtung einer solchen Feier Ehrensache; Gelegenheit auch, den eigenen Standort ins richtige Licht zu stellen.

So weist Stadtpräsident Thomas Scheitlin in seiner Ansprache im Athletik Zentrum darauf hin, wie sinnvoll es ist, in solche Vorzeigeprojekte zu investieren. Dies in der Hoffnung, der Kantonsrat bekomme noch Lust auf mehr.

Einfall als Glücksfall

Die von Stadtschreiber Manfred Linke moderierte und von seinem Team organisierte Feier wird von der Knabenmusik begleitet.

Einen ebenso spielerischen Auftakt geben die Akrobaten der «Tianjin Acrobatic Group», die mit dem Circus Knie unterwegs ist. Dies, weil Walter Locher auch als Verwaltungsrat des Zirkus wirkt.

Eine Zirkus-Einlage bei einer Polit-Feier ist ein Glücksfall. Kein Redner, der nicht die Parallele von der Manege zur Pfalz zöge, zum Parlament, mit seinen Wortakrobaten, Dickhäutern, Hochseilartisten und Polit-Clowns.

Dementiert wird freilich, dass sich die am Sonntag ausgerissene Elefantenkuh «Sabu» auf den Weg zur Präsidentenfeier gemacht habe.

Parlamentssitzungen sind eine Veranstaltung von Reden. Am Abend aber soll das Parlieren dem Feiern Platz machen. Darum werden zwei «gesetzte» Reden in ein politisches Abendgespräch verwandelt. Andreas Nagel, Leiter der Stadtredaktion des St. Galler Tagblatts, fragte Beni Würth nach den hervorstechenden Eigenschaften des neuen Präsidenten.

Würth, der als CVP-Faktionschef das Parlament auf dem Podium vertritt, muss nicht lange überlegen: «liberal, verhandlungssicher, militärisch». Damit ist der Ball bei Regierungspräsident Willi Haag, der zur Politik Walter Lochers kurz, zu seiner militärischen Karriere aber umso feuriger spricht. Beide dienten als Obersten in der Artillerie.

Ganz ohne Reden gibt's in der Schweiz aber keine Feier. FDP-Fraktionschef Andreas Hartmann stellt das vielfältige gesellschaftliche Engagement des neuen Präsidenten vor, Walter Locher selbst dankt humorvoll und zeigt, dass er als Altherr der Kantonsschul-Turn-Verbindung (KTV) auch den schwierigsten Kraftakt beherrscht: sich selber auf den Arm zu nehmen.

Zuvor liest ihm und der Politgemeinde allerdings «Gallus», alias Fredy Brunner, noch zünftig die Leviten; immerhin in der Hoffnung, dass Walter Locher als Neo-Napoleon die Ostschweiz einstens zum Gross-Kanton Säntis vereine.

Kompliment aus Genf

«Eine sympathische, lockere Feier; ich wusste gar nicht, dass St. Gallen so humorvoll sein kann; wir Genfer müssen unser Bild wohl revidieren», sagt Pierre Ruetschi, Chefredaktor der «Tribune de Genève», der als Verwandter der Präsidentenfamilie an der Feier teilnimmt.

Ein in jeglicher Hinsicht informativer Abend. Scherzhaft werden Parteiideologien zerzaust, Leute vom politischen Steckenpferd geholt, frei werdende Bundesrats-, Regierungsrats- und Ständeratssitze verteilt.

Schluss-Signal gibt der Marsch «Front and Center». Klingendes Symbol für ein Präsidentenjahr, das zwischen Frontflügeln und Mitte balancieren muss.