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EINBLICK: Mörschwil besucht den Freihof

Bei der Besichtigung des Freihofs zeigte sich einmal mehr: Das Thema polarisiert. Der Gemeinderat stellte danach das Sanierungsprojekt vor. Er hofft, den Streit damit endgültig beizulegen.
Adrian Lemmenmeier
So sieht es im Dachstock des Freihofs aus. (Bild: Sabrina Stübi)

So sieht es im Dachstock des Freihofs aus. (Bild: Sabrina Stübi)

Adrian Lemmenmeier

adrian.lemmenmeier@tagblatt.ch

Der Freihof hat an diesem Dienstagabend so viele Besucher wie zu seinen besten Zeiten. Die Stufen der Treppe in den ersten Stock knarren ununterbrochen. Nach und nach kommen Mörsch-wilerinnen und Mörschwiler nach oben in den alten Festsaal: Fischgratparkett, lottrige Doppelfenster, leuchterähnliche Lampen. Neben dem Eingang steht ein Klavier. Kaum ein Besucher kann es lassen, in die Tasten zu hauen. «Etwas verstimmt», sagt ein Mann.

«Durch dieses Fenster musste früher für die Turnerunterhaltung der Barren gehievt werden», sagt Richard Kast, Abwart der Gemeindeliegenschaften. Ein alter Mann pflichtet bei: «Ja, ja. Und wenn die Turner auf dem Barren einen Handstand gemacht haben, sind ihre Füsse an der Decke angestossen.» Alle Vereine haben hier ihre Produktionen aufgeführt: der Männerchor, die Dorfmusik, die Fasnächtler. Das Essen sei «legendär» gewesen, sagt eine Frau. «Es gab die besten Schnitzel.» Ein junger Mann sagt: «Meine Eltern hatten hier ihr Hochzeitsessen.»

Abreisser, Bewahrer, Realisten

Zu Beginn des Jahrtausends waren im Freihof noch Asylsuchende untergebracht. Möbel aus dieser Zeit stehen noch immer in einer Ecke des Festsaals. Danach wurde der Freihof geschlossen. Und seither hält er Mörschwil auf Trab: Zweimal stimmte die Bürgerversammlung für den Abbruch des Gebäudes. Beide Male wurde dies von Einsprechern verhindert. Nun will der Gemeinderat den Freihof sanieren. Bevor er über das Projekt informierte, öffnete er das ehemalige Restaurant für einige Stunden zur Besichtigung.

Freihof steht in Mörschwil synonym für Dorfstreit. Das zeigt sich auch an diesem Abend. «Die Fronten sind verhärtet», sagt eine Frau, die den Freihof zusammen mit ihrer Tochter besichtigt. Deshalb wolle sie nicht, dass man ihren Namen in der Zeitung lese. Dass der Gemeinderat den Freihof nun sanieren will, könne sie nicht nachvollziehen. «Wieso soll man in diesen ‹alten Chlapf› noch einen Rappen investieren?» Diese Meinung teilen vielen Besucher. Denn auch wenn im Festsaal ein mondäner Hauch durch die Ritzen zieht, der Rest des Gebäudes macht keinen guten Eindruck: Verputz fällt von der Decke, der Kellerboden ist sumpfig, Absperrband warnt vor instabilen Stellen. «Kein vernünftiger Mensch würde in diese Liegenschaft etwas investieren», sagt Sven Schultheiss. Ein älterer Mann ruft: «Diese Bude müsste man sofort abreissen.» Dabei schwingt er den Zeigefinger, als prophezeie er das jüngste Gericht.

Viele sehen den Freihof als Klotz am Fuss der Gemeinde, als «Fass ohne Boden». Über die abgewetzten Dielen spazieren aber auch solche, denen der Freihof am Herzen liegt: «Das Gebäude gehört zum Ortsbild», sagt etwa Anita Perucchi Forster. «Der Freihof hat seine eigene Geschichte, seinen eigenen Charme.» Deshalb müsse man ihn erhalten. Das findet auch Marianne Hollenstein: «Das Gebäude sollte stehen bleiben. Es passt sehr gut ins Dorfbild.» Für eine gute Lösung erachtet sie den Vorschlag von Othmar Lengwiler, das Gebäude zu verkürzen, damit es nicht direkt an die Strasse heranragt. Lengwiler selbst winkt ab: Es habe sich herausgestellt, dass seine Idee wegen des Denkmalschutzes nicht machbar sei.

Verkehrs- oder Demokratieproblem

Ob der Freihof tatsächlich den Verkehr durch Mörschwil behindere, ist bei den Besuchern ebenso umstritten. So klingt eine laute Diskussion im Obergeschoss: «Hat es denn jemals einen Unfall wegen dieses Freihofs gegeben?» – «Natürlich! Mir ist hier vor einigen Jahren ein Kind vors Auto gerannt» – «Aber mit einem Fussgängerdurchgang wäre das Problem gelöst» – «Nein, dann gibt es immer noch zu wenig Platz auf der Strasse, damit zwei Autos kreuzen können.»

Der Freihof entzweit die Besucher auch hinsichtlich ihres Demokratieverständnisses. Die einen fühlen sich um die Macht des Mehrheitsentscheids betrogen, weil Einsprachen den Abbruch des Freihofs zweimal verhinderten. Andere fragen sich, weshalb es denn Gerichte gebe, wenn eine Mehrheit in jedem Fall über geltendendes Recht hinwegentscheiden könnte. Es erklingen aber auch viele versöhnliche Stimmen. «Hauptsache, dieser Streit hat ein Ende», ist mehrfach zu hören. Viele fügen an, die Debatte um den Freihof sei schliesslich ein Luxusproblem. In Mörschwil könne man es sich leisten, fünfzehn Jahre über ein Haus zu streiten.

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