Ein Zeuge des Mosterei-Booms

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Wie eine Statue ziert der alte Baum neben dem Schloss Egg den Dorfhügel in Wittenbach. «Wir nennen ihn den Geisterbaum», sagt eine Anwohnerin, darauf angesprochen, ob sie über den Baum Genaueres wisse. Mit seinem Mantelkleid aus Efeu und den abgestorbenen Ästen, die wie Arme abstehen, hat der Baum tatsächlich etwas Gespensterhaftes. Und gespensterhaft gestaltet sich auch die Suche nach der Geschichte des Baumes. Weder im Gemeindehaus noch beim Ortsmuseum ist festgehalten, wer den Baum wann gepflanzt hat. Er taucht in keinem Verzeichnis auf, und die derzeitige Bewohnerin des Schlosses Egg weiss lediglich, dass es sich um einen alten Birnbaum handelt.

Seltsamerweise scheint der Baum regelrecht zu blühen, obwohl rundherum die Pflanzen ihre Blätter verlieren. Das ist der einzige Anhaltspunkt, um mehr über den Baum herauszufinden: Im Telefonbuch findet sich der Wittenbacher Baumpfleger und Vogelexperte Wendelin Aeple. «Efeu blüht tatsächlich erst im Oktober und ist damit fast die einzige Nahrung für die Bienen», sagt er. «Alte, mit Efeu überwachsene Bäume sind für viele Tier- und Insektenarten überlebenswichtig. Man sollte sie daher auf keinen Fall fällen, sondern stehen lassen, bis sie umkippen.» Bei dem alten Birnbaum kommt Aeple regelmässig vorbei, um Kleinspechte zu beobachten. Sie sind nur spatzengross und damit die Zwerge unter den europäischen Spechten. Wer sich Zeit nimmt, kann mit Glück zudem einige Mauersegler beobachten, die unter dem Dach des Schlosses Egg leben. Es ist laut Aeple mit vier bis sechs Brutpaaren die grösste Kolonie Wittenbachs.

Aeple schätzt, dass der Baum 150 Jahre alt ist. Zu dieser Annahme kommt er, weil er selbst einige alte Hochstämmer besitzt, die ihm als Vergleichsobjekte dienen. «Ausserdem erlebte die Region vor 150 Jahren einen Mostereien-Boom, und zahlreiche Obstgenossenschaften wurden gegründet. Damit gab es für die Landwirte sichere Obst-Abnehmer, und es wurde attraktiv, möglichst viele Bäume zu pflanzen», sagt er. Nicht umsonst heisse es «hast du Raum, pflanze einen Baum». Die Mosterei-Genossenschaft in Wittenbach war bis in die 1950er-Jahre die grösste in St. Gallen. Im Jahr 2007 wurde sie geschlossen. So ist der Geisterbaum nicht nur ein herbstlicher Lebensspender für Insekten und Vögel, sondern auch ein stiller Zeitzeuge. (nar)