Ein Urwald und Italiener im Osten

Im Osten St. Gallens steht noch ein Rest des früheren Urwalds: Der Buchwald. Der Kunsthistoriker Edgar Heilig zeigte auf einem Stadtspaziergang des Heimatschutzes zum Gartenjahr 2016 das «Buecheli» und Klein Venedig.

Margrith Widmer
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Der St. Galler Stickereiboom zog Ende des 19. Jahrhunderts viele Arbeitskräfte aus dem Ausland an. In der Gemeinde Tablat wohnten Italienerinnen und Italiener vor allem auch im Gebiet rund um den Buchwald. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

Der St. Galler Stickereiboom zog Ende des 19. Jahrhunderts viele Arbeitskräfte aus dem Ausland an. In der Gemeinde Tablat wohnten Italienerinnen und Italiener vor allem auch im Gebiet rund um den Buchwald. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

Vorab: «Der Buchwald ist kein Park. Er wurde nicht bewusst gestaltet», sagte der frühere Stadtplaner Edgar Heilig zu Beginn der Führung in St. Fiden. Bevor sich St. Gallen zu einer Siedlung entwickelte, war die Gegend fast ausschliesslich mit Buchen bewachsen. Wo die früheren Bewohner über die Steinach setzten, entstanden kleine Siedlungen. Darum heisst die Migros an der Bachstrasse auch Migros Bach. Später entstand hier der Bahnhof St. Fiden, weil im Bahnhof St. Gallen kein Platz mehr war und die frühere Bodensee-Toggenburg-Bahn (BT) einen grossen Güterbahnhof benötigte. Seit 1903 gehört der Bahnhof den SBB.

Übel beleumundet

Hinter dem Bahnhof St. Fiden entstand das Italienerquartier, Klein Venedig zwischen Buchegg- und Kolosseumstrasse, zwischen Heimat- und Pelikanstrasse in «Baumeister-Architektur». Viele Baumeister waren Italiener: Calzavara, Cellere und andere. Das Viertel war um 1910 übel beleumundet. Die Mieter sollen nämlich sogar zwischen den Häusern Wäsche aufgehängt haben, erzählte Edgar Heilig augenzwinkernd.

In Drei-Zimmer-Wohnungen lebten oft zehn bis 20 Menschen; fünf Betten in einem Zimmer wurden in Zweierschichten belegt. Die Nachtarbeiter schliefen dort tagsüber. Anders hätten sie die Miete gar nicht bezahlen können. Lange mussten sich die St. Galler über zu viel Italianità nicht aufregen: Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrten 1914 fast alle italienischen Männer und viele ihrer Angehörigen in ihre Heimat zurück.

Protest gegen Kahlschlag

«Trotz des Italienerquartiers blieb <das Buecheli> erhalten», sagte Edgar Heilig. 1912 wurde ein Überbauungsplan für den Buchwald aufgelegt. Der Heimatschutz protestierte gegen den Kahlschlag; er schrieb dem Stadtrat einen Brief und wies auf die Einzigartigkeit des Buchenwalds, des St. Galler Urwalds, hin – mit Erfolg. Die einzige Bedingung war: Keine öffentliche Anlage, da sonst die Italiener den Buchwald zu ihrem «Rummelplatz» machen würden. Später wünschte sich der Heimatschutz dann aber doch auch noch «Wege und Bänke».

Zwischen dem Buchwald und dem benachbarten Schulhaus wurde vor einigen Jahren eine Allee mit jungen Eichen gepflanzt. Sie ersetzten Ulmen, die krank waren und gefällt werden sollten. Teile des Quartiers und der Naturschutz intervenierten dagegen. Im folgenden Winter kippte dann bei einem Sturm ein Teil der alten Bäume um, wie sich Edgar Heilig auf dem Rundgang erinnerte.

Gepflegter Urwald

Heute wird der Buchwaldpark vom städtischen Gartenbauamt sorgfältig gepflegt. Buchen werden mit Kalkanstrichen versehen, damit sie keinen Sonnenbrand bekommen, wenn ein Baum gefällt wird, der ihnen zuvor Schatten spendete. Der Buchwald besteht aus sehr mächtigen, rund 150 Jahre alten Buchen. Es handelt sich um einen sogenannten Plenterwald, einen gepflegten Urwald.

Der Park ist bis heute ein Treffpunkt für die Quartierjugend. Auf dem Abhang «im Schattenbaumwald» lernten Generationen von Heiligkreuz-Kindern Skifahren. Daneben steht die Doppelturnhalle Buchwald. Einst war da auch ein Volksbad geplant – mit Badewannen, nicht mit Schwimmbecken.

Kinder finden im Buchwaldpark mehrere Generationen von Spielgeräten – vom 1970er-Sandkasten über den (heute verbotenen) Rundlauf bis zum Waldhaus, das einem Hochsitz nachempfunden ist.

Wie weiter mit dem «Fellhof»?

An der Spinnereistrasse befindet sich der «Fellhof». Er wurde einst von Fellhändler Loppacher erbaut, was den Namen der Liegenschaft erklärt. 1977 kaufte die Stadt das Gebäude; es wurde zum Werkhof fürs Gartenbauamt umfunktioniert. Nach dem Auszug der Stadtgärtner im vergangenen Jahr sind die Räume wieder vermietet. Jetzt hat auch ein Künstler dort sein Atelier.

Die Zukunft des schön proportionierten Gebäudes ist ungewiss. So ungewiss wie jene des Bahnareals und seiner Umgebung. Die Stadt plant hier einen neuen Stadtteil. In den kommenden Jahren wird die Entwicklung des Gebietes vom Bahnhof bis ins Heiligkreuz in einem mehrstufigen Prozess ausgelotet.

Heute ist der Buchwaldpark vor allem auch ein grossartiger Spielplatz für die Quartierjugend. (Bild: Reto Voneschen)

Heute ist der Buchwaldpark vor allem auch ein grossartiger Spielplatz für die Quartierjugend. (Bild: Reto Voneschen)

Edgar Heilig Kunsthistoriker/ehemals Mitarbeiter Stadtplanungsamt SG (Bild: Urs Jaudas)

Edgar Heilig Kunsthistoriker/ehemals Mitarbeiter Stadtplanungsamt SG (Bild: Urs Jaudas)