Ein unfassbarer Verzauberer

ST.GALLEN. Menschen zum Wegdriften zu bringen, ist sein Beruf: Am Dienstag hat Hypnotiseur Gabriel Palacios in St.Gallen sein erstes Buch vorgestellt. Und erzählt, weshalb der Verlust seines Hundes «fast schlimmer» war als jener seines Vaters.

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«Ich will Euch hypnotisieren»: Gabriel Palacios bei seiner Buchpräsentation im Rösslitor. (Bild: Urs Bucher)

«Ich will Euch hypnotisieren»: Gabriel Palacios bei seiner Buchpräsentation im Rösslitor. (Bild: Urs Bucher)

Regungslos sitzt sie da. Auf einem Stuhl auf der Bühne im Rösslitor, in sich zusammengesunken, die Augen geschlossen. Weggedriftet. Vor der Frau steht Gabriel Palacios. Den Rücken zum Publikum, in tiefschwarzem Anzug, polierten Lederschuhen. «Mit jedem Wort, jedem Geräusch, jedem Atemzug fällst du tiefer und tiefer», sagt er. Immer und immer wieder, in breitem Berner Dialekt. Die gut 90 Zuschauerinnen und Zuschauer sind totenstill. Fast alle Stühle sind besetzt: Die Welt, in der sich Palacios bewegt, zieht an. Die Welt an der Grenze zum Undurchsichtigen, Unbegreifbaren.

«Jeder ist hypnotisierbar»

Der Berner ist einer der bekanntesten Hypnotiseure und Gedankenleser in der Schweiz. Er ist am Dienstagabend ins Rösslitor gekommen, um sein Handwerk zu demonstrieren. Während weniger Minuten spricht er zu der Frau, die da hypnotisiert auf der Bühne sitzt, dann weckt er sie wieder auf. Sie fühle sich besser als zuvor, sagt sie. Applaus. Laut Palacios ist «jedes Lebewesen mit einem Intelligenzquotienten» hypnotisierbar. Wenn es das denn sein wolle. Willenlos werde während einer Hypnose aber niemand: «Wenn jemand hypnotisiert gackert wie ein Huhn, macht er das, weil er das auch will.»

Buch in acht Tagen geschrieben

Palacios ist aber nicht nur gekommen, um zu demonstrieren. Sondern auch um zu verkaufen. Nachdem er durch Fernsehauftritte bekanntgeworden ist, hat er ein Buch geschrieben, das er an diesem Abend vorstellt. Es trägt den Titel «Ich sehe dich» und erzählt von der «mentalen Kraft des Unterbewusstseins». Ein eigentliches Selbsthilfebuch voller Kommunikationstips, angereichert mit autobiographischen Passagen, gespickt mit Geschichten über Personen, die er behandelt hat: Alkoholiker, Vergewaltigungsopfer. Geschrieben habe er das Buch alleine, in acht Tagen, während einer Islandreise. Er sei es müde gewesen, immer wieder seine Geschichte zu erzählen, sagt er nach seinem Auftritt. Die Geschichte, die er aber trotzdem immer noch landauf, landab in Fernsehauftritten und bei Buchvorstellungen in einer Kurzversion zum besten gibt. Eine Geschichte, die beginnt, als sich sein depressiver Vater das Leben nimmt. Palacios, das jüngste von sieben Kindern, ist damals fünf Jahre alt. Nach dem Tod seines Vaters bekommt die Familie einen Hund. «Er spürte immer, wenn es mir nicht gut ging. Und ich bekam das Gefühl, dass er meine Gedanken lesen kann.» So beginnt er sich mit dem Übersinnlichen zu befassen. Als der Hund später stirbt, ist das für ihn «fast schlimmer» als der Verlust des Vaters. Denn den habe er erst später richtig realisiert und verarbeitet, als Jugendlicher, sagt er und starrt dabei ins Nichts.

Palacios weiss genau, was er sagt. Wann er was sagt. Und was er tut. Er wählt seine Worte sorgfältig, die Gesten sind sparsam. Vielleicht, weil er auch genau weiss, wie gut sie lesbar sein könnten. Weil es das ist, was er tut: Zwar spüre er sicher mehr als andere, aber er könne natürlich nicht wirklich die Gedanken von Menschen lesen. Er liest ihr Äusseres. Ein unmerkliches Zucken der Augenbrauen, ein Blinzeln zu viel, eine Pupille, die sich erweitert: «Das sagt alles etwas aus, man muss nur wissen, was.» Recht habe er mit seinen Aussagen zwar nicht immer, aber oft. Oft genug, um nur von seinen Fähigkeiten als Hypnotiseur und Gedankenleser leben zu können. Palacios, der heute, wie er sagt, nicht mehr mit Zaubertricks arbeitet, verzaubert nur noch. Auch das Publikum in St. Gallen.

Geheimnis ums Alter

So gern Palacios über seine Arbeit spricht, so ungern spricht er über sein jetziges Privatleben. Sein genaues Alter gibt er nicht preis, er dürfte Mitte 20 sein. «Es spielt einfach keine Rolle», sagt er. «Und ich stelle auch lieber Fragen, als dass ich sie beantworte.» Ein Lachen, ein Blick auf die Hände, Schweigen: So oft er auch andere aus der Fassung bringt, so gerne gibt er sich selbst schliesslich unfassbar.

Malolo Kessler

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