«Ein tragisches Ereignis»

Im Spital Wil stirbt eine Mutter nach der Geburt ihres Kindes. Die verantwortliche Chefärztin wird verurteilt. Ein externer Fachmann attestiert ihr «hohe fachliche Kompetenz». Die Spitalleitung stellt sich hinter die Ärztin.

Regula Weik
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Spital Wil. (Bild: pd)

Spital Wil. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Der Todesfall liegt fünf Jahre zurück. Im Oktober 2007 meldet sich eine schwangere Frau im Spital Wil – und stirbt nach der Geburt. «Es gab Komplikationen», sagt Roman Wüst, Generalsekretär des Gesundheitsdepartements. «Dramatische.» Gegen die beteiligten Ärzte wird eine Strafuntersuchung eingeleitet.

Schuldspruch akzeptiert

Nun hat das Kreisgericht Wil die verantwortliche Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Spital Wil wegen fahrlässiger Tötung verurteilt – zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten. Gestern hat das St. Galler Gesundheitsdepartement darüber informiert.

Die Chefärztin hat den Schuldspruch des Kreisgerichts akzeptiert; das Urteil ist damit rechtskräftig. Über die genauen Umstände, die zum Tod der Frau geführt hatten, wie auch zu den konkreten Vorwürfen gegenüber der Chefärztin ist wenig bekannt. Weil der Entscheid nicht weitergezogen wird, gibt es keine ausführliche Urteilsbegründung.

Gesundheitsdepartement wie Spitalleitung sprechen von einem «tragischen Ereignis».

Experte an der Seite

Die betroffene Chefärztin arbeitet seit zwölf Jahren im Spital Wil – und sie wird in dieser Funktion angestellt bleiben. Die Spitalleitung stellt sich hinter die Frau. Der Grund: Nach dem Todesfall hatten ihr Gesundheitsdepartement und Verwaltungsrat der Spitalverbunde einen Coach zur Seite gestellt. Es handelt sich um Urs Haller, emeritierter Ordinarius für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Universität Zürich und von 1990 bis 2004 Direktor der Universitätsfrauenklinik Zürich – und Haller attestiert der Chefärztin «hohe fachliche Kompetenz».

«Ihre fachliche Kompetenz stand nie zur Diskussion», sagt auch René Fiechter, CEO der Spitalregion Fürstenland Toggenburg. Die Chefärztin – sie hatte vor dem Wechsel nach Wil am Kantonsspital Luzern gearbeitet – geniesse die Unterstützung des Ärzteteams. Hinzu kommt: Das Schweizerische Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung der FMH habe dem Fachbereich Gynäkologie und Geburtshilfe am Spital Wil 2011 «ein gutes Zeugnis» ausgestellt», sagt Fiechter. Generalsekretär Wüst ergänzt, auch Urs Haller habe keine groben Mängel oder Fehler in den Abläufen in der Abteilung festgestellt. Diese seien nach dem Todesfall kritisch unter die Lupe genommen, die Prozesse verfolgt und dokumentiert, die Schnittstellen geklärt und die Besprechung schwieriger Fälle intensiviert worden, sagt Fiechter.

700 Geburten jährlich

«Ein solches Ereignis prägt das Spital und das Team», sagt der CEO. Fürchtet er um das Image des Spitals? «Ob sich daraus ein Imageproblem ergibt, ist schwierig abzuschätzen.»

Der Gynäkologie und Geburtshilfe in Wil kommt in einer weiteren Region Bedeutung zu – erst recht, nachdem der Kanton 2006 die Geburtsabteilungen in Wattwil und Flawil aufgehoben hat. Seither erblicken über 700 Babies jährlich in Wil das Licht der Welt; 2011 war mit 770 Geburten ein Rekordjahr. 45 Mitarbeitende teilen sich die 37 Stellen auf der Wiler Gynäkologie und Geburtshilfe.

«Kulant erledigt»

Eine nationale Untersuchung zeigt: Zwischen 1999 und 2008 gab es schweizweit 42 Todesfälle bei oder nach Geburten. Der Fall in Wil ist der einzige im Kanton St. Gallen – «und seither gab es auch keinen mehr», sagt Roman Wüst.

Durchschnittlich gebe es 50 Fälle jährlich im Kanton, die haftpflichtrechtlich beurteilt würden, sagt der Generalsekretär – «effektiv zu Zahlungen kommt es in weit weniger Fällen». Im Wiler Fall hat der Kanton die haftpflichtrechtlichen Forderungen bereits vor zwei Jahren mit dem Ehemann der verstorbenen Frau geklärt. Den konkreten Betrag nennt Wüst nicht. «Kulant erledigt», heisst es dazu in der Mitteilung des Gesundheitsdepartements. Musste sich die Chefärztin an diesen Kosten beteiligen? «Nein», sagt Wüst, «der Kanton ist dafür versichert.»