Ein «Thriller» zum Abschied

Mit dem gestrigen Auftakt zur «fünften Jahreszeit» beginnt für die Brogge-Gugge eine Zeit des Abschieds. Nach der Fasnacht löst sich der Verein auf. Umso intensiver werden die Fasnachtstage gelebt: Vom Aagugge bis zum erschöpften, nicht abgeschminkten Fall ins Bett.

Olivia Hug
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Warten. Nicht Tröten, Trinken oder Festen, sondern Warten macht die meiste Zeit einer Guggen-Tour aus. Warten auf den Auftritt, auf Aufbruch, auf öV oder auf Kollegen. Viertel vor sechs am Schmutzigen Donnerstag: Mitglieder der Brogge-Gugge (BG) warten im Waaghaus auf den Rest der Truppe. Als einzige Mitglieder der BG, die noch in Bruggen wohnen, reisen Manuela Florin und Lukas Bleher mit dem Bus an. Dieser befördert zu der Zeit kaum Pendler, aber lauter Gugger. Etwas verschlafen schauen sie drein. «Nach 14 Jahren habe ich mich immer noch nicht ans Aufstehen gewöhnt», sagt Bleher. Um halb fünf Uhr haben er und seine Partnerin mit dem Schminken begonnen. Puder, falsches Blut, Theaterschminke und flüssiges Silikon haben dieser Tage ein festes Plätzchen im Badezimmer. Bei der BG ist es Usus, dass sich die Mitglieder selber schminken und kein kollektives Air-Brushing stattfindet. Das spare Zeit, sagt Präsidentin Sarah Huber. «Wir setzen weniger auf Schminke und aufwendige Gwändli als auf ein jährlich wechselndes Motto.»

Immer weniger Mitglieder

Zur diesjährigen Fasnacht hat man das Motto «Thriller» gewählt. Die 28 Gugger sind als Untote verkleidet. «Als hätte man es gewusst», sagt Bleher. Doch niemand wusste bei der Wahl des Themas, dass man nach der Fasnacht 2014 getrennte Wege geht.

Damit geht die 36jährige Ära der drittältesten Gugge der Stadt zu Ende. Die Gründe waren rationaler Natur: schwindende Mitgliederzahl, unterbesetzter Vorstand, mangelnder Probefleiss. Leicht fiel der einstimmige Entscheid niemandem. «Es gibt Tage, an denen ich mich frage, ob es richtig war», sagt Sarah Huber.

Seit 13 Jahren ist sie Mitglied der BG, seit drei Jahren Präsidentin. Auf der Bühne spielt sie Trompete. In eine andere Gugge wechseln will sie nicht: «Die BG ist mein Leben.» Derzeit stöbert sie in den alten Protokollen der Bröggler, auf der Suche nach Anekdoten für ihre letzte Hauptversammlung. Schade, dass nirgends festgehalten sei, wie viele Liebesbeziehungen aus der BG hervorgegangen sind, meint sie.

Der letzte Ehrenplatz

Eine solche Beziehung führen Manuela Florin und Lukas Bleher. Beide sind seit über einem Jahrzehnt bei der BG, er spielt Posaune, sie Trompete. «Acht Jahre haben wir nichts voneinander wissen wollen», sagt Manuela Florin. Die gemeinsame Tochter ist fünf Monate alt. Die Fasnachtstage, an denen die Eltern eingespannt sind, verbringt sie bei der Grossmutter. Wobei nicht alle Tage so lang seien wie der Schmutzige Donnerstag. Doch Aagugge bei der Neugass-Bühne ist Pflicht. Gerade in diesem Jahr ist es eins der Highlights, dort zu spielen. Die BG teilt sich die Bühne mit der jubilierenden Riethüsli-Gugge, wobei der musikalische Leiter der BG, gekleidet als Michael Jackson, den Leadstab hält.

Nach dem Monsterkonzert machen sich die Bröggler auf durch die Gassen Richtung Bahnhof. Es ist immer noch dunkel, und es schneit. Andere Verkehrsteilnehmer und die Lichtsignale werden grosszügig ignoriert. Mindestens fünf Konzerte stehen noch an. Eins ist traditionellerweise das Platzkonzert am Hauptbahnhof. BG-intern wird es «Pendler wecken» genannt. Gegen sieben Uhr, als der Menschenstrom besonders gross ist, macht die Gugge ordentlich Krach. Viele Pendler bleiben stehen, Kaffee schlürfend oder rauchend, viele zücken ihre Handykameras. Einige beschleunigen den Schritt, sehr bemüht die «Dancing Queen» zu ignorieren.

Zur Freude der Kinder

Allmählich knurren die Mägen. Die BG hat den Zug nach Bruggen genommen – was mit den Trommeln bisweilen hinderlich sein kann –, um in der Bäckerei Frei zu frühstücken, ehe der Auftritt bei der Schule Engelwies ansteht. Unterwegs werden schon die ersten Fotos ins Netz gestellt. An der «Bye-bye-Tour» kann jeder auch virtuell teilhaben.

Die Lehrerinnen an der Primarschule wollten schon letztes Jahr eine Gugge einladen, geklappt hat's erst jetzt. Sehr zur Freude der Kinder: Eine Hundertschar Cowboys, Spidermen und Prinzessinnen tanzt auf dem Schulhof und schreit nach einer Zugabe. «Welche Schulen wir besuchen, das entscheiden wir recht spontan. Die im eigenen Quartier haben Priorität», sagt die Präsidentin während der Znünipause im Lehrerzimmer. Es bleiben noch einige Minuten für Ruhe, bevor es zurück in die Altstadt und anschliessend an eine Schule im Heiligkreuz zu den nächsten Auftritten geht.

Fünf lange Tage

Alkohol scheint bei der BG kein Thema zu sein. «Wir konsumieren und feiern eher weniger als andere, weil uns die Spielfähigkeit bis zum Schluss wichtig ist», sagt Sarah Huber. Nicht, dass es nicht schon vorgekommen sei, dass jemand immer noch geschminkt und hundemüde morgens ins Bett gefallen ist. Doch man müsse zu den Kräften schauen. Am Nachmittag muss noch der Barwagen in der Neugasse eingerichtet werden, der Konzerte-Marathon beginnt von neuem. Und die fünf Tage danach sehen nicht anders aus: wenig Schlaf, wenig ausgewogenes Essen und viel Kälte. Bis zum allerletzten Konzert.

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