Ein Tabu mitten in der Gesellschaft

Alkohol trinken ist so selbstverständlich, dass über die Schattenseiten kaum jemand spricht. Dabei kennt mindestens jeder dritte jemanden, der zu viel trinkt, sagen Fachleute. Am Donnerstag wurde auf dem Bärenplatz darüber informiert.

Nina Rudnicki
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Regine Rust Leiterin Suchtfachstelle St. Gallen (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Regine Rust Leiterin Suchtfachstelle St. Gallen (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Am Stand der Stiftung Suchthilfe auf dem Bärenplatz sind Tafeln aus Karton aufgestellt. «Partner» steht auf einer, «Freund», «Familie» und «Arbeitskollege» auf den anderen. Sie alle könnten Alkoholiker sein. Inmitten der Tafeln steht ein Eimer voller Papierkugeln. Diese kann man in die Säule vor jener Tafel werfen, zu deren Gruppe man gehört.

Regine Rust Leiterin Suchtfachstelle St. Gallen (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Regine Rust Leiterin Suchtfachstelle St. Gallen (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Familie, Arbeitskollege, Freunde

«Ein Drittel der Bevölkerung kennt mindestens eine Person mit Alkoholproblemen», sagt Regine Rust, Leiterin der Suchtfachstelle St. Gallen. Sei es ein Elternteil, ein Jugendlicher, ein Nachbar oder der Ehepartner. Nur rede man kaum darüber. Daher habe die Stiftung Suchthilfe beschlossen, anlässlich des nationalen Aktionstags Alkoholprobleme vom vergangenen Donnerstag Passantinnen und Passanten die Möglichkeit zu geben, sich an einem Stand über die Problematik zu informieren oder ein erstes Gespräch zu suchen.

Am Donnerstagmorgen hat der Stand gerade einmal seit einer halben Stunde geöffnet, als einige Mitarbeiterinnen des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes vorbeischauen. Die beiden Fachstellen arbeiten eng zusammen. «Seid ihr überhaupt schon mit Interessierten ins Gespräch gekommen?», fragt eine der Frauen Regine Rust. «Alkohol ist ja schon ein ziemliches Tabuthema.»

Gegen Einsamkeit antrinken

Doch wieso spricht in einer Gesellschaft, in der Alkohol akzeptiert und verbreitet ist, niemand über Alkoholprobleme? Und wie alarmierend ist die Situation wirklich? «Die Hauptherausforderung ist, dass es in jeder Bevölkerungsschicht und jeder Altersgruppe Alkoholsüchtige gibt», sagt Rust. Zwar werde in den Medien und der Politik häufig das Thema «Jugend und Alkohol» in der Vordergrund gerückt, doch gebe es auch viele andere, die zu viel trinken würden.

Da seien etwa Seniorinnen und Senioren, die gegen die Einsamkeit oder die fehlende Struktur in ihrem Alltag antrinken. Oder frisch Pensionierte, die auf einmal in ein Loch fallen, weil sie keine Verpflichtungen mehr im Berufsleben haben. Hinzu kämen noch jene, die zwar gut in der Arbeitswelt integriert seien, aber jeden Abend übermässig trinken würden. «Generell wird Alkohol dann zum Problem, wenn ihn jemand als Ersatz statt als Ergänzung konsumiert», sagt sie. Bezüglich der Jugendlichen lasse sich sagen, dass der grosse Teil sehr vernünftig mit Alkohol umgehe.

Eigene Interessen wahren

Bei der Suchtfachstelle melden sich zunächst oft Angehörige von Alkoholkranken. Das können laut Rust Eltern sein, die sich um ihr Kind sorgen. Oder eine Ehefrau, die nicht weiss, wie sie ihrem trinkenden Mann helfen kann. «Ein wichtiger Teil unserer Beratung ist, wie man einen Alkoholsüchtigen richtig unterstützt», sagt sie. «Und wie die Angehörigen sich selbst helfen können. Denn oft haben sie ihre eigenen Interessen lange schon zurückgestellt.» In anderen Fällen sind es Ärzte oder Sozialdienste, die einen Alkoholkranken an die Suchtfachstelle überweisen.

«Noch nie hoffnungslos»

«Ich habe noch nie einen Fall erlebt, der hoffnungslos war», sagt Rust. «Es gab immer Möglichkeiten, zumindest etwas Kleines zu verändern oder zu verbessern.» Rust arbeitet seit 20 Jahren im Bereich Sucht und Prävention. Bevor sie nach St. Gallen kam, hat sie unter anderem in Köln gearbeitet– eine Stadt, die mindestens so bekannt für Bier und den Karneval ist wie München für das Oktoberfest. «Aber ob nun St. Gallen, München oder Köln ein grösseres Alkoholproblem hat, kann man so nicht sagen. Denn über die negativen Seiten von Alkohol wird in der Öffentlichkeit überall zu wenig gesprochen», sagt sie. Und Menschen, denen man eine Alkoholsucht ansehe, etwa weil sie stark zittern, seien nur die Spitze des Eisberges. Danach komme der grosse Teil, der in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werde. Zudem seien die Grenzen zwischen harmlosem Alkoholkonsum und einer Abhängigkeit fliessend. «Bei Frauen etwa bemerkt man im Schnitt viel später als bei Männern, dass sie ein Alkoholproblem haben. Weil sie eher heimlich und im Verborgenen trinken», sagt sie.

Sichtbar sein

Mittlerweile haben sich einige Personen am Infostand mit Broschüren und Flyern eingedeckt. Auch ein paar der bunten Papierkügelchen liegen bereits in den Säulen. «Natürlich gibt es kritische Stimmen, die den Nutzen solcher präventiven Aktionen hinterfragen», sagt Rust. «Aber es geht darum, in der Öffentlichkeit sichtbar zu sein. Und bis jetzt haben sich immer Beratungsgespräche daraus ergeben.»

Anstossen ohne Alkohol: Die Suchtfachstelle offeriert am nationalen Aktionstag «Alkoholprobleme» alkoholfreie Getränke. (Bilder: Ralph Ribi)

Anstossen ohne Alkohol: Die Suchtfachstelle offeriert am nationalen Aktionstag «Alkoholprobleme» alkoholfreie Getränke. (Bilder: Ralph Ribi)