Ein SVP-Mann auf Abwegen

Er ist Flüchtlingssohn und Jazzfan, war Steiner-Schüler und Satiriker. Und dann auf einmal SVP-Politiker: Zsolt Ferenc Takacs erzählt auf einem ausgedehnten Spaziergang über seine ersten Erfahrungen als Stadtparlamentarier.

Malolo Kessler
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Zsolt Ferenc Takacs war Portefeuiller, Lieferant und «Nebelspalter»-Chefredaktor. Heute ist er SVP-Politiker im Stadtparlament. (Bild: Beat Belser)

Zsolt Ferenc Takacs war Portefeuiller, Lieferant und «Nebelspalter»-Chefredaktor. Heute ist er SVP-Politiker im Stadtparlament. (Bild: Beat Belser)

Ein Béret, ein rot-weiss gemustertes Halstüechli. Weste, Werkhosen, Wanderschuhe. Und in der Hand die Leine für Hündin Lissy. Zsolt Ferenc Takacs steht vor seinem Haus an der Waldgutstrasse in Rotmonten, bereit für den täglichen Nachmittagsspaziergang. Es geht steil hinunter an die Sitter, durch den Wald, über Wiesen. Dorthin, wo St. Gallen für Takacs «noch so richtig ländlich ist». Während des Spaziergangs erzählt der 53-Jährige SVP-Stadtparlamentarier, weshalb es ihn in die Politik verschlagen hat, wieso er manchmal eigentlich gar nicht in die Partei passt, warum ihm St. Gallen am Herzen liegt. Und von Krieg, Kommunismus und Rollenspielen.

Nach Gefängnis geflüchtet

Takacs ist in St. Georgen geboren und in Rotmonten aufgewachsen. Sein Vater war ein politischer Flüchtling, der im Jahr 1956, nachdem er mehrfach inhaftiert worden war, aus dem damals kommunistischen Ungarn in die Schweiz kam. Takacs' Mutter ist Schweizerin. «Sie war politisch schon immer ein wenig konservativ», erzählt er. Genau wie er selbst, seine Schwester hingegen habe eher eine sozialdemokratische Einstellung. «So haben wir schon als Jugendliche immer diskutiert, manchmal gab es richtige politische Rollenspiele am Küchentisch.» Heute diskutiert der SVPler nur noch regelmässig mit seiner Mutter – die Schwester lebt als Professorin in den USA, der Vater ist verstorben. Dass er ausserfamiliär nun auch in einer Partei und im St. Galler Stadtparlament debattiert, war eher ein Zufall. In die SVP sei er reingerutscht, weil die Partei bei den letzten Wahlen noch auf der Suche nach Leuten gewesen sei, die sich aufstellen lassen wollten. Und dann sei er überraschenderweise nachgerutscht für Michael Keller, der nach 22 Jahren zurückgetreten war.

Als Quereinsteiger sei es ein wenig schwierig, sagt Takacs. «Mir fehlt noch das Netzwerk.» Das könne er aber noch aufbauen. Und: «Ich habe mir gedacht, die SVP ist ja eine Volkspartei, die mag auch noch einen Takacs vertragen.» Der Neo-Parlamentarier spricht gerne über sich in der dritten Person. Und seine politische Ansichten entsprechen nicht immer jenen der Partei. «In der Flüchtlingsfrage bin ich völlig anderer Meinung. Wir leben in St. Gallen. Und das nur, weil einst ein Flüchtling hier war – Gallus. Das muss man schon auch mal so sehen.»

Er besetzt auch linke Themen

Auch einige der Themen, für die er sich im Parlament einsetzen will, werden üblicherweise eher von links besetzt: Kleinkunstförderung, Altersarmut. Letzteres hat berufliche Gründe. Nach der Matura an der Rudolf-Steiner-Schule in St. Gallen und Basel hat Takacs in Zürich den Beruf des Portefeuillers gelernt: Er fertigte aus Leder Aktenmappen und Brieftaschen, betrieb ein Geschäft in St. Georgen. Nach dessen Schliessung war er in der Logistikabteilung der Migros tätig und stieg schliesslich ins Geschäft seiner Mutter ein. Diese betreibt in St. Gallen einen Essenslieferservice für Senioren, die nicht mehr selber kochen können oder wollen. Takacs kocht täglich und liefert Speisen aus. «Da sehe ich oft Menschen mit sehr wenig. Ich finde einfach, es gehört sich nicht, dass so ein reiches Land wie die Schweiz Altersarmut zulässt.»

«Einfältige Tourismuspolitik»

Bislang hat Takacs in seinem Jahr als Parlamentarier drei Vorstösse eingereicht, zwei mit ziemlich identischem Wortlaut. Im einen forderte er eine Art Denkmal für Walter Roderer, im anderen eines für Trudi Gerster. Letztere ehrt die Stadt bereits mit sogenannten Märchenstationen auf Spielplätzen. «Das wusste ich natürlich schon – ich finde das aber einfach zu wenig», sagt der SVP-Mann. Generell halte er die «Tourismuspolitik», welche die Stadt betreibe, für «einfältig». Er kichert und schiebt ein Sätzli nach, das der Mann, dessen rhetorisches Vorbild Helmut Schmidt ist, an diesem Nachmittag nach vielen kritischen Äusserung sagt: «Ui, jetzt war ich ein bitzli böse, gälled Sie.» Er glaube aber einfach, die Stadt habe mehr touristisches Potenzial.

Kurze Zeit Chefredaktor

Takacs sagt von sich selbst, er sei ein «absoluter Schweizer», ein «Perfektionist in einem beinahe perfektionistischen Land». Und er sei ein Zweckoptimist. Seine Familiengeschichte habe ihn das gelehrt. Bis heute wohnt er mit seiner Mutter unter einem Dach, als «zufriedener Junggeselle». Er führt zwar eine lose Beziehung mit einer Unternehmerin, die in der Ukraine lebt. «Aber ich wollte mich nie binden. Ich habe mir immer gedacht: Es gibt so viele Kinder auf dieser Welt, da muss der Takacs nicht auch noch welche produzieren.» So schraubt er an Autos herum, hört am liebsten Jazzmusik, liest viel. Früher hat er auch geschrieben: Unter dem Pseudonym Goldmann und Erdmann habe er mit seinem Jugendfreund Mathias Binswanger, heute unter anderem Buchautor und HSG-Dozent, satirische Texte für den «Nebelspalter» verfasst. Für kurze Zeit waren die beiden auch «Nebelspalter»-Chefredaktoren, überwarfen sich dann allerdings mit dem Verlag. Er und Binswanger hätten sich geweigert, eine antisemitische Karikatur abzudrucken, erzählt der SVPler. «Als <Takacs> habe ich selbst Diskriminierung erlebt. Und ich finde: Satire darf eben nicht alles.» Ein «bitzli böse» reiche meist. In der Satire wie in der Politik.