Ein Star des Jahrhundertwinters

Lehrer Werner Bosshard wollte vor 50 Jahren mit seiner Schulklasse bloss einen Drachen aus Schnee formen. Doch dann kreierten die Viertklässler des Hebel-Schulhauses eine Figur, die im eisigen Winter 1963 landesweite Aufmerksamkeit erhielt.

Fredi Kurth
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21 Meter lang, 3 Meter hoch: Der Drache aus Eis und Schnee fühlte sich wohl im Unteren Brand. (Bild: Werner Bosshard)

21 Meter lang, 3 Meter hoch: Der Drache aus Eis und Schnee fühlte sich wohl im Unteren Brand. (Bild: Werner Bosshard)

Es liegt nicht mehr viel Schnee im Unteren Brand, und das Tauwetter wird ihm noch den Rest geben. «Hier haben wir den Drachen gebaut», sagt Werner Bosshard und zeigt auf die grosse Fläche, die erst weit hinten am Waldrand endet. Während der frühere Lehrer und spätere Schulleiter des Hebel-Schulhauses die Fahrt Richtung Restaurant fortsetzt, nimmt er seine rechte Hand vom Steuer und hält sie auf Kopfhöhe des Beifahrers: «So hoch lag der Schnee damals», sagt Bosshard.

Mit Kinderschaufeln

Ein Teil der Turn-und Modellierstunden könnte doch für einen kreativen Zweck verwendet werden, dachte Bosshard damals vor 50 Jahren. Ein Drache sollte es werden. Also liess Bosshard an einem schönen Nachmittag seine Viertklässler schaufeln. Das heisst: Er ging mit dem guten Beispiel voran, und die Schüler setzten ihre Kinderschaufeln in den Schnee. Genügend grosse Schaufeln standen nicht zur Verfügung. Denn die Klasse 4b umfasste nicht weniger als 34 Schüler. Für jene Zeit war das ein üblicher Bestand. Auch wären Standardschaufeln wahrscheinlich zu schwer gewesen für die Zehnjährigen.

In fünf bis sechs Stunden sollte der Drache gediehen sein. Doch nach drei Stunden hatte er noch nicht einmal erste Konturen angenommen. «Es war bloss ein Haufen Schnee zu sehen und sonst nichts», erinnert sich Bosshard. Er musste seinen Zeitplan anpassen, liess zuweilen gewisse Schulstunden ausfallen, und manche Schüler erschienen auch nach der Schule oder am freien Nachmittag im Unteren Brand. «Manchmal waren sie den Tränen nahe», sagt Bosshard, «die Anstrengung nach stundenlangem Schaufeln war enorm.» Doch von den 19 Mädchen und 15 Knaben habe er niemanden gezwungen, sich restlos einzusetzen, beteuert Bosshard.

Viel Schnee, dann die Kälte

Ende Januar, nach insgesamt 15 bis 20 Stunden, war das Werk vollbracht. Der Prachtskerl aus Schnee und Eis hatte sich im Gelände breit gemacht und tat so, als ob er immer dort verbleiben möchte. Die Zacken seines Rückgrats, das Gebiss und die Augen waren besonders markant, und die Form der Beine liessen ihn in Lauerstellung erscheinen. 21 Meter lang und drei Meter hoch war der Drache geworden.

Der Anlass, aus Schnee eine Figur zu schaffen, war für Werner Bosshard die grosse Menge der weissen Masse. Normalerweise war die Lebenserwartung einer solchen Figur schon damals eher gering. Tauwetter gab es bereits zu Zeiten, als der Begriff Klimawandel noch ein Fremdwort war. Doch dank der grossen Kälte, die selbst Bodensee und Genfersee zufrieren liess, wurde der Drachen ein Star des Jahrhundertwinters.

Eine Attraktion der Stadt

«Wir benötigten nicht einmal Wasser, um den Drachen widerstandsfähiger zu machen», sagt Bosshard. «Es war vielmehr derart frostig, dass der Drachen alle Besteigungen durch Kinder unbeschadet überlebte.» Aus der Stadt und deren Umgebung kamen die Menschen hoch, um den Drachen von St. Georgen zu sehen. Ganze Schulklassen hatten ja darauf Platz. Zeitungen und Illustrierte landesweit bildeten ihn ab.

Werner Bosshard war ein initiativer Lehrer voller Abenteuerlust. Schon wenige Tage, nachdem er am Seminar in Rorschach das Lehrerpatent erhalten hatte, nahm er 1952 an der Schweizer Schule in Lima eine Stelle an. Er lehrte die Schüler auf Spanisch. Der schnellste Flug in die peruanische Hauptstadt dauerte damals drei Tage und führte über London, Neufundland, New York, Miami und Panama. Zwei der vier Propeller des BOAC-Stratocruisers brannten mitten über dem Atlantik und fielen aus. Mit den andern zwei flogen die ehemaligen Bomberpiloten aus dem Zweiten Weltkrieg einfach weiter. Doch niemand habe sich Sorgen gemacht.

Der heute 80jährige Werner Bosshard ist immer noch fit, spielt fleissig Golf und fliegt demnächst zu Freunden nach Thailand. Der Drache von einst indessen hielt es zwar einige Wochen aus im Unteren Brand, segnete aber das Zeitliche irgendwann unter der Frühlingssonne.

Werner Bosshard (Bild: pd)

Werner Bosshard (Bild: pd)