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Ein Stadtrat mit Blick fürs Ganze

Erich Ziltener ist am Freitag im Alter von 71 Jahren gestorben. Von 1989 bis 2000 war der Christlichsoziale St. Galler Stadtrat. Er gehört zu den markantesten Persönlichkeiten, die in den letzten Jahrzehnten in der Stadtregierung sassen.
Reto Voneschen
Erich Ziltener im August 2000 kurz vor dem Ende seiner Amtszeit als St. Galler Stadtrat. Vergangenen Freitag ist er 71jährig in S-chanf im Engadin gestorben. (Bild: Archiv St. Galler Tagblatt)

Erich Ziltener im August 2000 kurz vor dem Ende seiner Amtszeit als St. Galler Stadtrat. Vergangenen Freitag ist er 71jährig in S-chanf im Engadin gestorben. (Bild: Archiv St. Galler Tagblatt)

Nach schwerer Erkrankung ist Erich Ziltener gemäss Angaben seiner Familie am vergangenen Freitag «selbstbestimmt und friedlich aus dem Leben gegangen». Die Abschiedsfeier und die Urnenbeisetzung finden jetzt im engsten Familienkreis in Zilteners Wahlheimat S-chanf im Engadin statt.

Sozial und ökologisch

Insgesamt 28 Jahre, von 1972 bis 2000, bekleidete Erich Ziltener politische Ämter in seiner Heimatstadt St. Gallen. Von 1972 bis 1988 sass er im Gemeinderat, dem heutigen Stadtparlament. Von 1989 bis 2000 war er Stadtrat und stand der Baudirektion vor. Als Parlamentarier, vor allem aber als Exekutivmitglied eckte Ziltener mit seinen sozialen und ökologischen Grundsätzen, denen er auch als Stadtrat weitgehend treu blieb, bei bürgerlichen Politikern sehr oft an.

Schelte gab's für den Christlichsozialen nicht zuletzt vom gewerblichen Flügel seiner eigenen Partei, der CVP. Dort tat man sich lange schwer mit seiner Wahl in den Stadtrat. Dies, weil Ziltener, getragen von einem überparteilichen Komitee, im September 1988 «wild» gegen den offiziellen CVP-Kandidaten angetreten war und diesen im ersten Wahlgang um knapp 500 Stimmen geschlagen hatte.

Vieles aufgegleist

Erich Ziltener übernahm die Bauverwaltung von Vorgänger Werner Pillmeier (CVP) in einer turbulenten Zeit. 1987 war die Stadtautobahn eröffnet worden, jetzt galt es, flankierend dazu heftig umstrittene Massnahmen zur Verkehrsberuhigung in den Wohnquartieren umzusetzen. Mehrere Teile dieses Projektes scheiterten, bis sich das Modell der quartierweisen Einführung von Tempo-30-Zonen durchsetzte; der Prozess dafür ist heute immer noch im Gang. An der Jahreswende 1988/89 wurde das leerstehende Hotel Hecht am Bohl besetzt. Mit zu den ersten Aufgaben des frischgebackenen CSP-Stadtrates gehörte es, in der Spekulationsruine an zentraler Lage die bauliche Entwicklung wieder in Gang zu bringen.

Ein weiterer «grosser Brocken» in der Amtszeit von Erich Ziltener war die Totalrevision von Bauordnung und Zonenplan, deren erster Anlauf in einer vom Naturschutzverein angestossenen Referendumsabstimmung scheiterte. Nach dem zweiten, erfolgreichen Anlauf für die Totalrevision zog sich die Umsetzung der Neuerungen bis nach der Amtsübernahme durch Zilteners Nachfolgerin Elisabeth Beéry (SP) hin. Ein Grossprojekt, das in der Ära Ziltener angestossen wurde, war die Neunutzung des Areals der Lagerhäuser zwischen Vadian- und Davidstrasse. Das «Neue Lagerhaus» an der Vadianstrasse 57 wurde – von einem Stararchitekten und für ein paar Millionen mehr als geplant – für die Stadtpolizei umgebaut. Eines der letzten Geschäfte von Stadtrat Ziltener war das Konzept für die weitere Verkehrsberuhigung der Altstadt, dessen Umsetzung dank anfänglicher Fundamentalopposition von gewerblich-bürgerlicher Seite immer noch im Gang ist.

Gemeinwohl an erster Stelle

Bei seinem Abgang Ende 2000 wurde Erich Ziltener dafür gelobt, dass er stets versucht hatte, den Blick fürs Ganze und «über den Tellerrand hinaus» zu behalten. Dabei verleugnete er nie seine christlichsoziale Grundhaltung, die der Familientradition und der Herkunft aus dem katholischen Arbeitermilieu zu verdanken war. Auch in Verkehrs- und Baufragen bemühte er sich stets, das Gemeinwohl vor Einzelinteressen zu stellen. Legendär ist Zilteners Aufforderung ans Stadtparlament, weniger über Trottoirrandsteine und mehr über die Zukunft der Stadt zu debattieren. Bausekretär Fredi Kömme, der heute unter dem vierten Stadtrat arbeitet, charakterisierte Ziltener einmal als «den unkonventionellen Typ, der sich grundsätzlich, an Idealen, orientiert».

Ein echter Stadtsanktgaller

Geboren wurde Erich Ziltener 1943 in St. Gallen. Aufgewachsen ist er bis zur ersten Primarklasse an der Langgasse, dann in St. Fiden. Auch dank Fürsprache der Grossmutter konnte er das Lehrerseminar in Rorschach besuchen. Diese Art höhere Bildung war damals für den Sohn einer Arbeiterfamilie nicht selbstverständlich. 1963 bis 1970 unterrichtete Ziltener an der Primarschule Abtwil. Nach einem einjährigen Intermezzo in Wagen bei Jona kehrte er mit Frau, Sohn und Tochter in die Gallusstadt zurück. Hier wirkte er, zuletzt als Schulleiter, während 17 Jahren im Schulquartier Buchental-Krontal, bevor er Stadtrat wurde.

Neue Heimat im Engadin

Nach dem Rücktritt als Stadtrat zog es Erich Ziltener ins Engadin. Bereits vorher hatte die Familie in S-chanf ein über 300 Jahre altes Engadinerhaus gekauft und mit der Sanierung begonnen. Als «neues Projekt», wie er sagte, wollten Ziltener und seine Frau darin eine Pension einrichten. Das Vorhaben blieb ein Plan. Für den nachhaltigen Tourismus und den Erhalt seiner «Traumlandschaft Engadin» engagierte sich der alt Stadtrat dann auch wieder politisch, nämlich als ehrenamtlicher Geschäftsführer der 2004 gegründeten Stiftung Terrafina. Zusammen mit Einheimischen und Prominenten – darunter alt Bundesrat Rudolf Friedrich – trat Erich Ziltener gegen überbordenden Massentourismus und Zersiedlung der Landschaft an.

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