Ein Spaziergänger in Polizeiuniform

Mittwoch, 16. November, 9.30 Uhr: An der Blumenaustrasse stehen von neun Parkplätze acht leer. Es ist also wieder einmal Friede im Quartier! Ein einziger Parkplatz ist belegt. Der stört nicht den Frieden und auch keinen Anwohner, nur einen gemütlich spazierenden Spaziergänger in Polizeiuniform.

Jost Nussbaumer Blumenaustrasse 26, 9000 St. Gallen
Merken
Drucken
Teilen

Mittwoch, 16. November, 9.30 Uhr: An der Blumenaustrasse stehen von neun Parkplätze acht leer. Es ist also wieder einmal Friede im Quartier! Ein einziger Parkplatz ist belegt. Der stört nicht den Frieden und auch keinen Anwohner, nur einen gemütlich spazierenden Spaziergänger in Polizeiuniform. Da steckt ja kein Parkzettel hinter der Frontscheibe! Natürlich wird sofort der Bussenblock gezückt, der wertvolle Bussenzettel (denkt doch nur an die Stadtkasse!) in ein schützendes Plastiktäschlein gesteckt und liebevoll hinter dem Scheibenwischer auf der Windschutzscheibe plaziert.

Welch hehrer Anblick! Der morgendliche Spaziergänger in Polizeiuniform zückt sein Smartphone und hält die erhebende Tat fest: Morris Mini mit frisch gestecktem Parkbussenzettel und Tonhalle im Hintergrund. Ha!

Vier Wochen vorher am selben Ort: Autos im Dutzend (ja, ja, bei neun Parkplätzen) stehen auf der Strasse, auf den Trottoirs, auf den Fusswegen und zwischen den Pflanzen im Vorgarten der Schulhäuser. Wo keine Autos hineingezwängt stehen, sind es Abfallberge, die den Platz verstellen. Der kostbare öffentliche Raum ist billig geworden, und wo er nicht ausreicht, wird auch auf private Vorgärten zur Entsorgung von Abfall und Fäkalien ausgewichen. Bussenzettel gibt's zu diesen Zeiten keine; Anwohner können ohnehin nicht mehr zufahren. Morgendliche Spaziergänger in Polizeiuniform suchen sich erholsamere Reviere – und die Smartphones hätten wohl sowieso zu wenig Speicherkapazität für alle diese Erinnerungsbilder.