Ein Schupf für den Stadtrat

Die Mehrheit des Stadtparlaments vermisst eine aktive, vorausschauende Lehrstellenpolitik der St. Galler Stadtregierung. Diskutiert wurde gestern darüber anhand von zwei CVP/EVP-Postulaten. Der Stadtrat unterlag dabei auf der ganzen Linie.

Reto Voneschen
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Grosse Lehrstellendebatte im Stadtparlament: Herrscht Mangel an Lehrstellen oder an Lehrlingen? (Bild: ky)

Grosse Lehrstellendebatte im Stadtparlament: Herrscht Mangel an Lehrstellen oder an Lehrlingen? (Bild: ky)

Überraschend lang und emotional, aber auch mit überraschendem Resultat beschäftigte sich das Parlament gestern mit der Lehrstellenfrage. Entgegen dem Antrag des Stadtrates nicht als erledigt abgeschrieben wurde das Postulat «Mehr Lehrstellen für schwächere Schülerinnen und Schüler bei der Verwaltung». Dies, weil eine knappe Mehrheit des Parlamentes den stadträtlichen Bericht dazu als ungenügend empfand.

Gegen den Widerstand des Stadtrates klar erheblich erklärt wurde danach das Postulat «Ausbau des Lehrstellenangebots in der Stadt St. Gallen». Womit der Stadtrat darüber einen Bericht verfassen lassen muss.

Zweifel am Willen des Stadtrates

Kritik an der stadträtlichen Haltung zu den Postulaten kam in der Debatte ausser von der FDP aus allen Fraktionen.

Die Tonalität der Stellungnahmen lasse Zweifel am Willen des Stadtrates aufkommen, tatsächlich etwas zur Verbesserung der prekären Lehrstellensituation zu unternehmen, lautete der Grundtenor von Kritikerinnen und Kritikern.

Philip Schneider kritisierte für die CVP/EVP-Fraktion das Zahlenmaterial, das der Stadtrat vorgelegt hatte. Um im Vergleich mit der Privatwirtschaft und anderen Städten besser wegzukommen, habe er Praktikums- zu den Lehrstellen geschlagen. Der Stadtrat verkenne die Situation: Bei den Lehrstellen bestehe Handlungsbedarf, betonte Schneider.

Basel-Stadt als Vorbild

Die Haltung des Stadtrates in der Lehrstellenfrage sei zu defensiv, kritisierte auch Karin Winter für die SVP-Fraktion. In den Stellungnahmen zu den Vorstössen, werde der Status quo beschrieben und über die Belastung der Ausbildner geklagt. Was fehle, sei eine zukunftsgerichtete Lehrlingspolitik. Damit man sie beurteilen könne, müsse eine solche schriftlich vorliegen und mit guten Zahlenmaterial aufwarten.

Als Beispiel für eine Stadt, die zeige, wie man mehr Lehrstellen schaffe und wie man schwächeren Schülerinnen und Schülern helfe, eine solche zu finden, nannte Winter Basel-Stadt.

St. Gallen unterdurchschnittlich

Wenn man seine Papiere lese, könne man den Verdacht bekommen, dass sich der Stadtrat nicht ernsthaft in der Lehrlingsausbildung engagieren wolle, sagte Franziska Wenk für die Fraktion von Grünen, Grünliberalen und Jungen Grünen. Es sei eine Tatsache, dass die Stadt St.

Gallen gemessen an den Vollzeitstellen in der Verwaltung weniger Lehrlinge ausbilde als andere Städte. St. Gallen müsse von den Städten lernen, die da überdurchschnittlich engagiert seien. Gerade schwächere Schülerinnen und Schüler hätten in unserer auf Leistung getrimmten Gesellschaft Probleme, Lehrstellen zu finden. Die öffentliche Hand müsse ihnen dabei helfen.

Auch aus Sicht der Fraktion von SP, Juso und Politischer Frauengruppe gebe es sehr gute Gründe, sich intensiver mit der Lehrstellensituation auseinanderzusetzen, sagte Vica Mitrovic (SP). Der Stadtrat müsse da unbedingt visionärer agieren.

Neue Lehrstellen geschaffen

Mit der Kritik am Stadtrat nichts anfangen konnte Barbara Frei für die FDP-Fraktion.

Die stadträtlichen Stellungnahmen zeigten doch, dass in den letzten Jahren zusätzliche Lehrstellen – auch für schwächere Schülerinnen und Schüler – in der Verwaltung geschaffen worden seien. Ein weiterer Ausbau werde im Rahmen des Möglichen angestrebt. Der Stadtrat, so fand Frei, habe seine Hausaufgaben gemacht.

Heikle Gratwanderung

Stadtpräsident Thomas Scheitlin hieb in die gleiche Kerbe. «Der Wille zur Veränderung» bei den Lehrstellen sei doch vorhanden. Das Lehrstellenangebot in der Verwaltung sei in den letzten Jahren ständig ausgebaut worden. Die Behörden hätten auch den ganz klaren Willen, für schwächere Schülerinnen und Schüler neue Lehrstellen zu schaffen. Das sei aber eine heikle Gratwanderung zwischen verschiedenen Anforderungen.

Einmal brauchten solche Auszubildenden speziell geschulte Ausbildner und intensive Begleitung, die nicht von jeder kleinen Amtsstelle geboten werden könne. Zum anderen müsse die Verwaltung bei ihren Leistungen die Qualität hochhalten. Das werde von Bürgerinnen und Bürgern zu Recht erwartet. Und drittens bringe es nichts, junge Leute auszubilden, für die es im erlernten Beruf dann keine Arbeitsplätze gebe.

Droht ein Lehrlingsmangel?

Und: Die Parlamentsmitglieder sollten doch einmal den Lehrstellenmarkt genau anschauen, forderte Stadtpräsident Scheitlin die Kritiker auf. Es zeichne sich heute in vielen Branchen nach einem Lehrstellenmangel wieder ein Lehrlingsmangel ab. Die CVP/EVP-Vorstösse kämen zu spät. Teilweise könnten bereits heute Lehrstellen nicht mehr besetzt werden.

Sinkende Schülerzahlen auch in den Stadtsanktgaller Schulen deuteten darauf hin, dass sich diese Situation in naher Zukunft noch weiter verschärfen werde. Da sei es doch nicht angebracht, dass die Stadt zusätzliche Lehrstellen schaffe und damit die drohenden Engpässe verschärfe, appellierte Scheitlin.

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