«Ein Scherbenhaufen»

Der Präsident des kantonalen Lehrerverbandes ist enttäuscht – und im ersten Moment sprachlos. Das Kantonsparlament hat die Entlastung der St. Galler Lehrkräfte bachab geschickt.

Regula Weik
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Ratlos und enttäuscht – Ruedi Blumer, Präsident der vorberatenden Kommission. (Bilder: Regina Kühne)

Ratlos und enttäuscht – Ruedi Blumer, Präsident der vorberatenden Kommission. (Bilder: Regina Kühne)

ST. GALLEN. Wie wichtig ist die Bildung? Wichtig. Wie wichtig ist die Arbeit der St. Galler Lehrerinnen und Lehrer? Sehr wichtig. Sind die Lehrkräfte stark belastet und sollen sie entlastet werden? Ja. – Soweit ist sich die grosse Mehrheit des Kantonsparlaments einig.

Hansjörg Bauer, Präsident des kantonalen Lehrerverbandes, ist sich nach dem gestrigen Entscheid des Parlaments nicht mehr so sicher, wie viel davon «nur schöne Worthülsen» sind. «Es fällt einem nicht einfach zu glauben, dass die Politikerinnen und Politiker die Anliegen der Lehrkräfte tatsächlich ernst nehmen.» Bauer, sonst nicht um Worte verlegen, wirkt konsterniert. Wie geht es weiter? Er zuckt die Schultern. Er weiss es heute noch nicht. «Es ist ein Scherbenhaufen.»

Nicht heute und nicht morgen

Klar ist: Die St. Galler Lehrerinnen und Lehrer werden nicht entlastet – und das wohl auf einige Jahre hinaus. Bildungschef Stefan Kölliker hatte kein Geheimnis daraus gemacht: Wer heute auf eine neue Besoldungsordnung für die Lehrerinnen und Lehrer setzt, nimmt in Kauf, dass sich so rasch an der aktuellen Situation der Lehrkräfte an den Volksschulen im Kanton nichts ändert. Eine neue Vorlage liegt nicht morgen auf dem Tisch, sondern irgendwann in naher Zukunft.

Überhaupt hat sich Kölliker mächtig für die Lehrer ins Zeug gelegt. Er sparte nicht mit Lob für deren Arbeit. «Die Lehrpersonen machen den Löwenanteil aus, was die Schulqualität angeht.»

Selbst der Lehrerpräsident – der Verband hatte auch schon deutliche Worte gegen den Bildungschef gefunden – nickt zustimmend. «Ein starkes Votum. Stefan Kölliker kann nichts dafür, dass die Lehrer nun nicht entlastet werden.»

«Zu komplex, zu kompliziert»

Wer trägt denn nun die Schuld an der Null-Lösung? Für Ruedi Blumer (SP, Gossau) ist es klar: die Bürgerlichen. Der Präsident der vorberatenden Kommission – sie hatte einen kostenneutralen Vorschlag auf den Tisch gelegt – ist denn auch enttäuscht: «In der Kommission standen auch die Bürgerlichen hinter der Idee – mit Ausnahme der SVP.» Verschiedentlich ist in der Parlamentsdebatte von «Flickwerk», von «nicht praktikabel» und «zu komplex und kompliziert» die Rede.

Abwanderung?

Blumer ist überzeugt, dass auch «Missgunst» gegenüber den Lehrkräften mitgespielt hat. Und dass die «verdeckte Lohnerhöhung» – das Vollpensum wäre bei gleichem Lohn von 28 auf 27 Lektionen reduziert worden – nicht verstanden wurde – «viele erlebten dies als Widerspruch zur Lohnkürzung für das Staatspersonal, die ebenfalls im Raum steht». Der Kommissionspräsident ist jedoch überzeugt: «Das Thema bleibt – auch nach diesem Entscheid. Wir müssen es erneut angehen, sonst wandern die Lehrerinnen und Lehrer ab.»