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Ein Ruhestand auf Raten

Vor zehn Jahren hat sich Felix Walker aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Von der Politik Abschied genommen hat der ehemalige CVP-Nationalrat und Raiffeisen-Chef aber noch nicht ganz.
Andri Rostetter
«Wer mich einlädt, riskiert, dass ich komme»: Felix Walker in seiner Wohnung in St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

«Wer mich einlädt, riskiert, dass ich komme»: Felix Walker in seiner Wohnung in St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Der Säntis ist verhangen, es könnte bald regnen. Sitzen wir also in die Stube. Noch lieber wäre ihm ohnehin ein Spaziergang. Er ist gern draussen, auch wenn er nicht mehr ganz so zügig unterwegs ist. «Ich bin ja auch keine achtzig mehr», sagt er in seinem ostschweizerisch gefärbten Walliserdeutsch. Felix Walker ist im März 81 geworden.

In den 1990er-Jahren, als Raiffeisen-Direktor, verlegte er Sitzungen gern in den Alpstein. «Beim Wandern kann man besser reden.» Auf diese Wanderungen muss er heute verzichten. Aber klagen will er nicht. «Altersbereinigt geht es mir gut», sagt er. Walker geht zum Bücherschrank und zieht ein schmales Aktenbündel hervor. Fotos, Artikel, Interviews, Reden, eine Homestory der «Schweizer Illustrierten». Ein Berufsleben, zusammengefasst in einem A4-Klarsichtmäppchen. Er zeigt auf ein Bild mit Doris Leuthard. «Meine Sitznachbarin im Nationalrat.» Eine Aufnahme aus dem Jahr 1999, Leuthard war damals 39 und neu im Bundeshaus, genau wie Walker.

Zweite Karriere in der Politik

Im Gegensatz zur aufstrebenden Aargauerin hatte Walker seine Karriere eigentlich schon beendet. Er stand kurz vor seinem 65. Geburtstag, hinter ihm lag eine Bilderbuchkarriere. Doch er liess sich überreden, auf der CVP-Liste mitzumachen. Als Eugen David im zweiten Wahlgang den Sprung in den Ständerat schaffte, rutschte Walker in den Nationalrat nach. «Es war ein Glücksfall. Ich war unabhängig und hatte Zeit. Und ich konnte meine Pensionierung abfedern», sagt er rückblickend. Im Bundeshaus merkten sie schnell: Der pensionierte Raiffeisen-Chef war nicht zum Fendant-Trinken nach Bern gekommen. Walker machte sich als Finanzpolitiker rasch einen Namen. Mit einer Motion zur Beschränkung des Ausgabenwachstums legte er einen Grundstein für die Umsetzung der Schuldenbremse, eine finanzpolitische Pionierleistung, die in halb Europa kopiert wurde. Den Höhepunkt erreichte Walkers politische Laufbahn 2003, als er Präsident der Finanzkommission wurde. Damit war er im Zentrum der finanzpolitischen Macht angekommen – zum zweiten Mal in seiner Karriere.

700 Fusionen – und das Bleicheli

Walker war schon eine bekannte Grösse, bevor er in die Politik wechselte. Von 1962 bis 1979 war er zunächst Direktionsassistent und dann Finanzchef der Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg, 1979 wurde er Zentraldirektor des Schweizer Verbands der Raiffeisenbanken. Unter ihm erlebte die gemächliche Genossenschaftsbank einen markanten Modernisierungsschub. Walker suchte die Zusammenarbeit mit Vontobel und Helvetia, vereinheitlichte die Informatik und startete eine umfassende Professionalisierungs- und Regionalisierungsstrategie, die zur Fusion von 700 Raiffeisenbanken führte. Massgeblich auf Walkers Initiative geht auch die Überbauung Bleicheli in St. Gallen zurück, der heutige Hauptsitz von Raiffeisen mit weit mehr als 1000 Arbeitsplätzen.

Dabei war Walker nie ein Wachstumsapostel, weder als Raiffeisen-Chef noch als Finanzpolitiker. Lange vor der Finanzkrise warnte er vor Lohnexzessen und blindem Gewinnstreben, regelmässig rief er nach ethischen Normen für die Finanzbranche. In einem Interview im Jahr 2000 sagte er: «Man darf die Ethik nicht einfach den Philosophen und die Wirtschaft nicht bloss den Managern überlassen.» Heute sitzt er im Beirat des HSG-Instituts für Wirtschaftsethik.

Elf Kinder, acht Kühe

Felix Walkers Laufbahn war alles andere als vorgezeichnet. Er war das achte von elf Kindern, die Familie hatte acht Kühe, damals eher viel für einen Bauern im Oberwalliser Dorf Mörel. Er besuchte zuerst das Gymnasium in Brig, dann ging er nach St. Gallen, um Politikwissenschaften zu studieren. Walker war einer der ersten Walliser an der HSG; die Ostschweizer Wirtschaftshochschule galt schon damals als liberal – was in Walkers katholisch-konservativer Heimat keine Auszeichnung war. «Ich habe keine bleibenden Schäden davongetragen», sagt er heute.

Dass Walker alles andere als ein abgehobener Banker war, spürten auch seine Mitarbeiter. Der passionierte Velofahrer konnte auch mal im Velodress in einer Landfiliale auftauchen und mit dem nächstbesten Angestellten plaudern. Bis dieser merkte, dass da gerade der Zentraldirektor vor ihm gestanden hatte, war Walker längst wieder auf der Strasse.

2006 hat sich Felix Walker von der Politik verabschiedet, zumindest offiziell. Vor fünf Jahren ist er mit seiner Frau in eine neue Wohnung am Rosenberg gezogen, etwas kleiner als die alte, etwas praktischer. Die HSG liegt nur ein paar Fussminuten entfernt von seiner Wohnung, er besitzt einen Gasthörer-Ausweis, regelmässig sitzt er in Vorlesungen. Internationale Politik, Finanzen, Recht, so wie damals, Ende der 1950er-Jahre. Die Politik verfolgt er «mit einer gewissen Sorge», wie er sagt. «Wir leiden an einem eigentlichen Reformstau in der Schweiz. Der Konsens wird häufig im Keim erstickt.»

Wenn er es für nötig hält, mischt er sich in die öffentliche Debatte ein. Wie zuletzt im Ständeratswahlkampf 2015, als Thomas Müller gegen Paul Rechsteiner antrat. Ausgerechnet Müller! Walker hatte seinen Sitz im Nationalrat 2006 vorzeitig geräumt, damit Müller nachrücken konnte. Hätte er geahnt, dass der Rorschacher später zur SVP überlaufen würde, wäre er wohl in Bern geblieben.

Kontakt zur Parteispitze

Ins Bundeshaus geht Walker heute nur noch selten. Aber wenn die Partei oder «seine» Bank ruft, dann ist er zur Stelle. «Wer mich einlädt, riskiert, dass ich komme.» Die Kontakte pflegt er sowieso, zur Raiffeisen, zu Kolleginnen und Kollegen aus seiner Zeit als Parlamentarier, zu alt Bundesräten, zur aktuellen CVP-Parteispitze. Gerade erst im Mai hat er 40 ehemalige Bundesparlamentarier nach St. Gallen eingeladen. «So etwas wie einen Bedeutungsverlust spüre ich nicht.» Man glaubt es ihm aufs Wort.

Am Rednerpult im Nationalrat (März 2002). (Bild: ky/Lukas Lehmann)

Am Rednerpult im Nationalrat (März 2002). (Bild: ky/Lukas Lehmann)

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