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EIN QUARTIER IM SCHEINWERFERLICHT: Wieder mehr Drogen im St.Galler Linsebühl-Quartier

Im Linsebühl werden seit rund zwei Jahren wieder offener Drogen gedealt und konsumiert. Zum Unmut der Anwohner und des Quartiervereins. Ein Augenschein in einem Viertel, das seinen Ruf als Sündenpfuhl der Stadt nicht so recht loszuwerden scheint.
Matthias Fässler
Freikirche, Sexshops, Quartierbeizen: Im Linsebühl treffen verschiedene Realitäten aufeinander. Die Kreuzung Linsebühlstrasse/Speicherstrasse (im Bild) steht vermehrt im Fokus der Polizei. (Bild: Ralph Ribi)

Freikirche, Sexshops, Quartierbeizen: Im Linsebühl treffen verschiedene Realitäten aufeinander. Die Kreuzung Linsebühlstrasse/Speicherstrasse (im Bild) steht vermehrt im Fokus der Polizei. (Bild: Ralph Ribi)

Matthias Fässler

matthias.faessler@tagblatt.ch

Im Restaurant Eri an der Linsebühlstrasse läuft eine Drogenrazzia. Breitschultrige Beamten laufen nervös auf und ab und durchsuchen Taschen und Jacken. Vor dem Restaurant zieht ein Mann an seiner Zigarette. «Das kommt hier öfters vor», sagt er gelassen. Auch einige Besucher des Cabi-Antirassismus-Treffs von nebenan sind auf die Szenerie aufmerksam geworden. «Die sollten besser mal an der HSG kontrollieren», sagt einer.

Die Szene spielte sich im letzten Spätsommer ab, sie könnte aber auch vom vergangenen Wochenende sein. Das Linsebühl ist seit rund einem Jahr verstärkt in den Fokus der Polizei gerückt. Ausgangspunkt war eine Beschwerde durch den Quartierverein im Frühsommer. Die Drogenszene habe im Viertel überhandgenommen, so der Tenor. Ganze Strassen seien in der Hand des Rauschgifthandels.

Das Linsebühl steht an der Spitze

Jürg Niggli von der Stiftung Suchthilfe zückt während des Gesprächs eine Liste. Es handelt sich um eine Auflistung von belasteten Quartieren und öffentlichen Plätzen in der Stadt, die besonders im Fokus stehen. Monatlich wird die Liste neu beurteilt, auch mit der Stadtpolizei zusammen. Sie sei eigentlich nur für den internen Gebrauch bestimmt, sagt Niggli. Die Auflistung zeigt: Das Linsebühl als Quartier belegt seit Anfang Jahr den Spitzenplatz in der Liste, gefolgt vom Spielplatz an der Kreuzung Linsebühlstrasse/Hafnerstrasse und dem Marktplatz Bohl. Bekannte Plätze wie der Hauptbahnhof oder die Drei Weieren folgen auf den hinteren Rängen.

«Seit rund zwei Jahren hat sich die Situation merklich verschlechtert», sagt Niggli. Es gebe neben den bekannten Erklärungsansätzen wie dem günstigen Wohnraum oder der sozialen Durchmischung vor allem ein Grund: «Dass wieder vermehrt gedealt wird, hat mit Einzelpersonen zu tun, die im Drogenhandel tätig sind und sich in den letzten Jahren im Quartier eingenistet haben.»

Ein Befund, den auch Andreas Scherrer, Leiter Prävention der Stadtpolizei, teilt. «Wir wissen von Wohnungen, die als Drogenumschlagplätze genutzt werden», sagt er. Gedealt werde vor allem mit harten Drogen: Heroin, Kokain, Tabletten. Hier holt sich jedoch weder der Student noch der Banker seine Feierration fürs Wochenende. Wer hier dealt und konsumiert, läuft schnell Gefahr, ins Visier der Polizei zu geraten. Freiwillig setzen sich diesem Risiko nur wenige aus. «Im Linsebühl dealen und konsumieren die Letzten in der Linie», sagt Scherrer. Seit letztem Sommer hat die Polizei die Präsenz merklich erhöht. So soll das Sicherheitsempfinden im Quartier gefördert werden. «Mit zivilen Einsätzen haben wir am meisten Erfolg in Bezug auf die Sicherstellung von Drogen.» Er sagt jedoch auch: «Je mehr kontrolliert wird, desto mehr Tatbestände gibt es.» Je stärker ein Quartier im Fokus der Polizei steht, desto mehr wird statistisch auch aufgedeckt. «Oft finden wir bei Kontrollen aber auch nichts», sagt Scherrer. Insgesamt lobt die Polizei die gute Zusammenarbeit mit dem Quartierverein und der Stiftung Suchthilfe.

Ein Restaurant unter spezieller Beobachtung

Die Situation im Linsebühl belegt aber auch die hohe Nachfrage nach Drogen in der Stadt. In einer kürzlich publizierten Abwasserstudie (siehe Ausgabe vom 16. März) belegt St. Gallen beim Kokainkonsum europaweit einen Spitzenplatz. Die Dealer richten sich nach der Nachfrage. Dass diese rund um die Gassenküche tendenziell höher ist, liegt auf der Hand. «Sie ist jedoch nur ein Grund unter vielen. Man darf sie nicht zur Hauptursache machen», sagt Scherrer.

Ein migrantisch geprägtes Quartier, viele schwarze Dealer: Das ist auch der Stoff, aus dem rassistische Vorurteile gestrickt sind. Wenn fast ausschliesslich Schwarze dealen, sind im Umkehrschluss alle Schwarzen Dealer. Immer wieder fällt in Gesprächen der Name des eritreischen Restaurants Eri. Hier werde alles verkauft, nur kein Essen, so der Vorwurf. In den Gesprächen im Quartier fällt jedoch auf: Man spricht vor allem über das «Eri», aber kaum mit den Betreibern und Gästen. Dabei haben sie viel zu erzählen. An der Bar berichten zwei Männer von den Polizeirazzias, während auf dem Beamer eritreische Schnulzen laufen. «Es gab hier sehr viele Razzias. Das war schlimm», sagt der eine. «Hier und vor dem Restaurant verkehren viele Personen aus Nigeria, die wir nicht kennen», sagt der andere. «Ihnen geht es nur ums Geschäft und um Drogen. Damit haben wir nichts zu tun.»

Die Präsidentin des Quartiervereins, Alexandra Akeret, sitzt ein paar Häuser weiter im Kaffeehaus. «Das Quartier ist wunderbar. Wer hierher zieht, weiss aber auch, worauf er sich einlässt», sagt sie. «Dass gedealt und konsumiert wird, daran haben wir uns gewöhnt. Wenn aber Leute Angst haben, am Abend alleine nach Hause zu gehen, dann ist das nicht mehr hinnehmbar.» Für Akeret sind zwar die vielen Sozialwohnungen im Quartier Teil des Problems. «Wir wollen aber auf keinen Fall teureren Wohnraum», betont sie. Vielmehr müsse man die Wohnungen und die Suchtkranken besser auf die Quartiere verteilen. Akeret lobt die Zusammenarbeit mit der Polizei, die im Sommer schnell reagiert habe, und der Fachstelle für aufsuchende Sozialarbeit. Akeret sagt aber auch: «Längerfristig möchten wir keine solch hohe Polizeipräsenz wie aktuell.»

Der Kampf gegen Windmühlen

In den letzten zwei, drei Monaten habe sich die Situation bereits merklich beruhigt, sagt nicht nur Alexandra Akeret. Auch im «Eri» tönt es ähnlich. Die hohe Präsenz der Polizei scheint also bereits Wirkung zu zeigen. Nur: Die Nachfrage nach Drogen besteht weiterhin. Das Dealen verlagert sich damit in andere Quartiere. Das könnten St. Fiden oder auch andere Orte im Linsebühl sein, wie Andreas Scherrer sagt. «Szenen sind wie Wasserlachen», schrieb der Journalist Carlos Hanimann 2010 in seiner Reportage über die St. Galler Drogenszene der 1990er Jahre. «Man kann draufschlagen, aber sie lösen sich nicht auf. Sie verteilen sich nur anders.»

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