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Ein Pfarrer auf der Pirsch

Die Jagd ist kein Hobby, sondern Leidenschaft und Auftrag, pflegen Waidmänner zu sagen. Töten ist Teil davon. Auch Markus Anker, Pfarrer an der Uni St. Gallen, streift durchs Jagdrevier.
Olivia Hug
Trophäen hängt er selber keine auf: HSG-Pfarrer und Jäger Markus Anker in der Jagdhütte auf dem Ricken oberhalb von Wattwil. (Bild: Olivia Hug)

Trophäen hängt er selber keine auf: HSG-Pfarrer und Jäger Markus Anker in der Jagdhütte auf dem Ricken oberhalb von Wattwil. (Bild: Olivia Hug)

Jacke, Kappe, Handschuhe in Tarnfarben, die Hose braun: Markus Anker verschmilzt mit der Landschaft. Über seiner rechten Schulter hängt sein Jagdgewehr, ein Allzweckkaliber mit Sieben-Millimeter-Projektil. In der linken Hand trägt er den dreibeinigen Zielstock, um den Hals einen Feldstecher, am Gürtel steckt ein Messer mit scharfer Klinge.

Lautlos bewegt sich der 44-Jährige über das hüglige Gelände, hält von Zeit zu Zeit den Finger in den Wind. Manchmal sitzt er minutenlang regungslos im Wald, den Blick auf einen Wildwechsel gerichtet. Nichts passiert, wenn nicht ein Blatt aus der rot-gelben Laubdecke zu Boden gleitet. Markus Anker kennt sein Jagdrevier: Die Wiesen, wo das Reh und die Wildsau fressen, die Wälder, in denen sich der Hirsch lautlos bewegt.

Jagdglück ist unvorhersehbar

Auf der Pirsch kann stundenlang nichts passieren. Dann ist es der Aufenthalt in der Natur, welcher den Jäger befriedigt. Der Jagderfolg ist unvorhersehbar: Zwei Rehe nacheinander zu schiessen, kann einen zeitlichen Abstand von drei Minuten bedeuten. Oder drei Tage. Oder drei Monate.

Wenn es so weit ist, wenn Anker ein Tier im Visier hat, ist die Anspannung gross. «Man will auf jeden Fall treffen. Und präzis», sagt er. Bevor er den Abzug ziehe, sei er so fokussiert, dass er den Knall nicht höre. Mit den Ohrstöpseln hat das wenig zu tun. Der Lärm des Schusses ist ohrenbetäubend.

Den Überschuss nehmen

Zurück im Berufsleben ist Markus Anker ganz evangelischer Seelsorger. Er hält Gottesdienste, gestaltet Taufen, Hochzeiten und Kolloquien. Als Pfarrer der Universität St. Gallen, wo er Lehrbeauftragter für theologische Vorlesungen ist, nimmt er sich der Sorgen über Leistungsdruck oder Prüfungsstress von Dozenten und Studierenden an. Die Gespräche finden im Wohnzimmer des Pfarrhauses an der Steinbockstrasse statt. Das Spielzeug seiner zwei Kinder versinnbildlicht die lebendige Stube.

Markus Anker spricht über Weihnachten, Burn-out und die Zehn Gebote. Darüber, dass man nicht töten soll. Doch tut er genau das, wenn er während der Hochsaison im Herbst ein- bis zweimal pro Woche in sein Jagdrevier fährt. Ein Widerspruch?

Der Pfarrer begründet sein Handeln schöpfungstheologisch: «Auf der Jagd merkt man, dass der Mensch Teil eines grossen Ganzen ist. Und ich entnehme der Natur einen Teil dessen, was sie im Überfluss hervorbringt.» Das Amt für Natur, Jagd und Fischerei erlasse ja auch ganz klare Vorschriften über die Regelung der Tierbestände. Ausserdem bedeute die Jagd für ihn auch ein Bewusstwerden der Endlichkeit des Lebens, sagt Markus Anker.

Konsequent in vielen Belangen

In seiner Haltung als Jäger ist Anker konsequent. Hat er ein Tier getroffen, gehört für ihn das Aufbrechen – das Ausnehmen und Ausblutenlassen – dazu. Zumal der Jäger und Pfarrer auch gerne Wildbret isst. Eine schöne Arbeit sei das nicht, sagt er, während er den Bauch eines Rehkitzes mit seinem Messer öffnet. Er ist erleichtert über den sauberen Treffer. Jungtiere schiesst er nicht gerne, am allerwenigsten Gemskitze. «Es sind einfach so aufgeweckte Tiere.»

Vor sieben Jahren hat Anker die Prüfung zum Jäger gemacht – und dabei war er als Jugendlicher noch gar nicht begeistert von der Leidenschaft seines Vaters, eines Schnapsbrenners, für die Jagd. Durch eine Bekanntschaft ist er als Pächter zur Jagdgesellschaft Wattwil-Schönenberg gestossen. Im Toggenburg wird der Aargauer immer ein bisschen fremd bleiben. Doch das sei okay, sagt er. «Ich mag die kernige Art der Toggenburger.»

Pfarrer statt Forstwart

Obwohl er einst hatte Forstwart werden wollen, zeugt sein Werdegang als Theologe von seiner Konsequenz – angefangen bei der Kanti Aarau über das Studium in Zürich und Lausanne, das Vikariat bis hin zu seiner Anstellung als Uni-Pfarrer 2004. An der HSG fühle er sich denn auch nicht anders als der Pfarrer vom Dorf. Zahlreiche berufsbegleitende und ehrenamtliche Tätigkeiten unterstreichen sein Engagement.

Seine Frau Andrea ist ebenfalls Pfarrerin. Und da ist auch noch der Dachs, der auf seiner Futtersuche den Pfarrhausgarten regelmässig durchwühlt. Er darf sich sicher fühlen. Denn – welch göttliche Ironie – in den St. Galler Stadtquartieren darf man nicht jagen. Auch nicht als Pfarrer.

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