Ein Pärkli erzählt Geschichten

Das Grabenpärkli am Oberen Graben wurde 1845 als Promenade ausserhalb der alten Ringmauern angelegt. 1987 war es Ausgangs- und Mittelpunkt einer der hitzigsten Debatten über Kunst im öffentlichen Raum.

Beda Hanimann
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Die längste Sitzbank der Stadt: Grabenpärkli mit Sommerflor und rotem Fass. (Bild: Michel Canonica)

Die längste Sitzbank der Stadt: Grabenpärkli mit Sommerflor und rotem Fass. (Bild: Michel Canonica)

In der Stunde nach dem Mittag gibt sich das Grabenpärkli die Ehre. In der Stunde nach dem Mittag liegt die lange Reihe von zwölf Sitzbänken im Schatten, die Plätze sind begehrt, und die Abfallkübel mit Unterflurreservoir erweisen sich als gute Investition. Wenn die Stunde nach dem Mittag vorbei ist, bekommen sie das Wegwerfgeschirr der picknickenden Angestellten aus den umliegenden Büros zu schlucken.

Nachher wird es wieder ruhiger auf der längsten Bank der Stadt. Das Grabenpärkli ist nicht Attraktion und Anziehungspunkt für Touristen, die sind anderswo, machen woanders Rast. Aber es gehört zur Stadt, liegt an der wohl meist begangenen Verbindung zwischen Bahnhof und Altstadt. Für eine kleine Verschnaufpause bietet es sich immer an.

Ein Graben tut sich auf

Das Pärkli gehört zur Stadt, ja, aber nicht einfach so zufällig. Es erzählt Stadtgeschichte und Stadtgeschichten. Die turbulenteste trug sich 1987 zu, da hatte sich im kleinen Pärkli ein tiefer, unüberbrückbar scheinender Graben aufgetan. Ein Brunnen, vom Gewerbeverband aus Anlass seines Geburtstages der Stadt geschenkt, erhitzte die Gemüter über das in der Gallusstadt übliche Mass hinaus. Das rote Fass von Roman Signer füllte während Monaten die Zeitungsspalten, die Stadt bestand aus zwei Lagern. Das eine bejubelte das freche und unkonventionelle Ding, das andere wünschte es als Affront gegen die Ästhetik zum Teufel.

Gut dokumentierte Debatte

Da floss mehr böses Blut als Wasser, eine Petition verlangte mit 4000 Unterschriften die sofortige Entfernung, die Kulturschaffenden Alfons J. Keller, Roland Mattes und Jost Hochuli dokumentierten die erhitzte Debatte in einer Publikation. Das Fass blieb bis heute standhaft auf seinen Stelzen stehen, manchmal übertönt sein Plätschern sogar den Verkehrslärm. Oder lenkt zumindest von diesem ab – vielleicht ist das der Trick und tiefere Sinn hinter allen urbanen Wasserspielen.

Zeit- und Zeitungsgeschichte

Das Plätschern hat Tradition in diesem Dreieck zwischen alter und neuer Stadt. Im Zuge der Stadterweiterung über den mittelalterlichen Kern hinaus war es 1845 als öffentliche Promenade mit Springbrunnen angelegt worden, der Name Springbrunnenplatz bot sich da an. Mächtige Bäume lassen den Platz auf späteren Ansichten als kleines Stadtwäldchen erscheinen.

Der Name Springbrunnenplatz hielt sich lange, doch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwand er von den Stadtplänen. Da hiess die Anlage im Volksmund ohnehin Ostschweiz-Pärkli, nach der Zeitung, die von 1903 bis zu ihrem Untergang Ende 1997 jenseits der Poststrasse residierte. Das Pärkli ist also ein Zeuge der Stadtentwicklung, aber auch der St. Galler Zeitgeschichte.

Im Lauf der Jahre erfuhr die Anlage gestalterische Veränderungen. Die Chronik des Jahres 1944 berichtet von einer «gärtnerisch-harmonischen Umwandlung», manche der alten Bäume mussten weichen, irgendwann verschwand der Springbrunnen, auch der Kiosk an der Nordwestecke vermochte sich nicht in die Gegenwart zu retten.

Das Pärkli wird ein Urwäldchen

Aufsehen erregte die letzte Umgestaltung vor vier Jahren. In Zusammenarbeit mit Zürcher Landschaftsarchitekten ersann das Gartenbauamt eine Flora aus bleibenden und saisonal wechselnden Pflanzen. Da wachsen nun Zwiebelpflanzen, Blütensalbei, Riesen-Federgras, Trompetennarzissen, Schwertlilien, Sterndolden, Mexikonesseln und anderes, ein bezaubernder kleiner Urwald.

Ungeachtet dieses Blühens und Spriessens, des menschlichen Treibens und Innehaltens, unbeirrt von verjährten Grabenkämpfen zeichnet die historische Messstation in einer Ecke des Pärkleins das St. Galler Wetter auf. Mit feinen Nadeln auf handbeschriftete Papierrollen. Wie ehedem, als es da noch keinen Urwald und kein Fass gab.

Bild: BEDA HANIMANN

Bild: BEDA HANIMANN