Ein Nein wäre ein Fehler zu viel

Am Sonntag entscheidet die Berger Stimmbevölkerung über die Erneuerung und Erweiterung des Schulhauses Brühl. Eine Ablehnung der Vorlage würde einen grossen Scherbenhaufen anrichten. Von Sebastian Schneider

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Bauvorlagen, sofern sie seriös aufgegleist wurden, finden in der Stimmbevölkerung meistens Mehrheiten. Für ein Schulhaus Geld zu sprechen, von dem ja alle profitieren, fällt der Stimmbürgerin und dem Stimmbürger in der Regel leicht. Nicht so in Berg SG, wo diesen Sonntag über eine Erweiterung und Erneuerung des Primarschulhauses Brühl entschieden wird. Obschon gerade in einer ländlichen Gemeinde das Schulhaus grosse Bedeutung hat. Nicht nur für Schüler und Lehrer ist es essenziell, es ist auch wichtig für ein reges Dorfleben. Für Bürgerversammlungen, für Jahreskonzerte der Dorfmusik, für Unterhaltungen des Turnvereins und für viele weitere Nutzungen ist eine Sporthalle oder eine Aula ein geeigneter Ort. Doch die Kosten für ein Schulhaus sind hoch. Und für das 850-Seelen-Dorf Berg ist nur schon die Sanierung und Erweiterung ein enorm kostspieliges Unterfangen. In der Vorlage vom Sonntag geht es um rund 6,5 Millionen Franken. Diese Summe entspricht eineinhalb Jahresbudgets der Gemeinde.

Schwindendes Vertrauen

Angesichts dieser Summe ist eine Annahme der Vorlage schon nicht mehr so selbstverständlich. Diese grosse Investition kann Berg in den nächsten 25 Jahren nur amortisieren, wenn es den Steuerfuss von heute 128 auf 136 Prozentpunkte erhöht. Viele Berger glauben dem Gemeinderat aber nicht, dass diese Anhebung genügt. Der Gemeinderat hat ohnehin schon viel Vertrauen in der Bevölkerung verspielt. Seit vier Jahren ist er daran, ein Projekt für die dringende Erneuerung und Erweiterung auszuarbeiten. Der Sanierungsbedarf wird zwar auch von Kritikern anerkannt, allerdings sind sie mit der Arbeit des Gemeinderates nicht zufrieden. Ein Ja am Sonntag ist also überhaupt nicht selbstverständlich. Woher dieses Misstrauen?

Im Februar 2013 sah es für den Gemeindepräsidenten Paul Huber gut aus. Die Stimmbevölkerung befürwortete das Projekt, das mit Kosten von circa 4,5 Millionen Franken eine Renovation sowie Erweiterung des Schulhauses vorsah. Angesichts der gemäss Huber «grössten Summe seit Jahrzehnten» ein Erfolg. Allerdings war die Zustimmung mit 166 Ja- zu 130 Nein-Stimmen nicht überwältigend. Nach der Abstimmung ging das Hickhack aber erst los. Wenig später wurde nämlich bekannt, dass Investoren sieben Mehrfamilienhäuser mit 42 Wohnungen auf der Dorfwiese planen. Zu den Mehrfamilienhäusern kommen zehn Doppel- und fünf Einfamilienhäuser dazu. Im Frühling dieses Jahres kam für Skeptiker der zweite Schock: Im Mattenhof-Quartier sind nochmals 15 Wohneinheiten geplant. Werden alle Wohnungen und Häuser verkauft oder vermietet, würde die Dorfbevölkerung rasch um über einen Viertel wachsen. Und weil vor allem mit Familien zu rechnen ist, werden auch viele Kinder kommen. So viele, dass die Kapazität des Schulhauses nicht mehr reichen würde. Der Gemeinderat beschloss, das Projekt zu stoppen, eine Studie zum allfälligen Wachstum erstellen zu lassen und das alte Projekt zu überarbeiten. Nun liegt eine neue Vorlage vor, die Projektkosten sind um rund zwei Millionen auf 6,5 Millionen Franken gestiegen.

Eine Front von Gegnern

Neben dem Planungsfehler hat der Gemeinderat einen zweiten Fehler gemacht: Er hat, zumindest aus Sicht einiger Bürger, zu wenig informiert. Das weckte zusätzliches Misstrauen. Unter dem Namen Berg Plus haben sich im Verlauf des Jahres Kritiker mehrmals versammelt, um über die Zukunft der Gemeinde zu diskutieren. Die Gruppe hat letztlich keine Empfehlung abgegeben. Nach dem letzten Informationsabend vom 17. November allerdings hat sie eine E-Mail gestreut, in der sie unter anderem schreibt, dass eine Steuerfusserhöhung um acht Prozentpunkte wohl nicht genüge.

Es gibt keinen Plan B

Umstritten, und für viele Stimmbürger womöglich der ausschlaggebende Punkt, ist die Etappierung der Bautätigkeit im Dorf. Sie ermöglichte ein sukzessives Bevölkerungswachstum, und sie würde die Kapazitätsprobleme der Berger Infrastruktur mildern. Eine Zusicherung der Gemeinde fehlt gemäss Berg Plus. Paul Huber jedoch verspricht, dass eine Etappierung stattfinden wird. Die Bauherrschaft bestätigt, dass für die Mehrfamilienhäuser auf der Dorfwiese ein guter Kompromiss gefunden worden ist.

Die Stimmbevölkerung von Berg hat am Sonntag die Möglichkeit, mit einem Ja in den sauren Apfel zu beissen und den Schritt in die Zukunft zu wagen – oder mit einem Nein ein noch grösseres Chaos anzurichten und die ohnehin grossen Probleme noch zu verschärfen. Fehler sind schon genug gemacht worden. Dem Gemeinderat einen Denkzettel zu verpassen, bringt weder der Schule noch dem Dorf etwas. Nicht nur die Verantwortlichen, auch die Kritiker haben zum jetzigen Zeitpunkt keinen Plan B. Bis zum nächsten Projekt würden wieder Monate oder gar Jahre verstreichen. Die Kinder kommen aber ohnehin – sie müssten in teuren Provisorien unterrichtet werden.

sebastian.schneider@tagblatt.ch