Ein nationaler Schulterschluss

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 führte in der Stadt St. Gallen zum Schulterschluss quer durch politische Lager und soziale Schichten. Die Stimmung bei der Vereidigung von Armee-Einheiten war patriotisch-pathetisch. Und viele Ausländer verliessen die Stadt.

Reto Voneschen
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Noch in Erwartung eines kurzen Kriegs: Eine Wachmannschaft des Schützen-Bataillons 8 auf einer typischen Fotografie vom Herbst 1914. (Bild: Staatsarchiv St. Gallen)

Noch in Erwartung eines kurzen Kriegs: Eine Wachmannschaft des Schützen-Bataillons 8 auf einer typischen Fotografie vom Herbst 1914. (Bild: Staatsarchiv St. Gallen)

In einer dreiteiligen öffentlichen HSG-Vorlesungsreihe hat Historiker Max Lemmenmeier im Februar und März die Situation von Stadt und Kanton vor 100 Jahren analysiert. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs Ende Juli, Anfang August 1914 überraschte viele Städterinnen und Städter. Die in der Textilmetropole übliche sommerliche Serie von Festivitäten wurde ziemlich unsanft beendet (St. Galler Tagblatt vom 20. und vom 25. Februar).

«Der Krieg ist jetzt also da»

Am 28. Juni 1914 wurden in Sarajevo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin von einem serbischen Extremisten erschossen. Nach diplomatischem Hickhack erklärte Österreich-Ungarn am 28. Juli Serbien den Krieg. Was in einer hektischen Abfolge von Mobilisierungen und Kriegserklärungen dazu führte, dass sich am 6. August 1914 die europäischen Grossmächte im Krieg befanden. Bereits am 2. August war Deutschland in Luxemburg einmarschiert; am 4. August hatte der Einmarsch der Deutschen ins neutrale Belgien begonnen.

Auf die Zuspitzung der internationalen Lage reagierte auch die Schweiz. Zuerst mit der Pikettstellung der Armee. Am Samstag, 1. August 1914, wurde am Vormittag auf dem Klosterplatz vor einer grossen Publikumskulisse der Landsturm feierlich vereidigt. Am Abend fand am gleichen Ort eine relativ kurzfristig durch den Männerchor Harmonie und die Stadtmusik organisierte 1.-August-Feier statt. Ihr wohnten einige tausend Personen bei. Der Festakt stand ganz im Zeichen des aufziehenden Krieges. Die Reden waren patriotisch-pathetisch, die Musik war «vaterländisch».

Truppen auf der Kreuzbleiche

Am 3. August wählte die Bundesversammlung Ulrich Wille zum General. Einen entscheidenden Beitrag dazu, dass der deutschfreundliche Offizier das Rennen machte, leistete der damalige St. Galler Bundesrat Arthur Hoffmann. Ebenfalls ab Montag, 3. August 1914, erfolgte die Generalmobilmachung der Schweizer Armee. Auf der Kreuzbleiche rückte das Infanterieregiment 33 ein, das am 5. August nach der Vereidigung «vor einer gewaltigen Zuschauermenge» an die Grenze abmarschierte, wie damals Zeitungen begeistert berichteten.

Die Moral der Truppe sei gut gewesen, erzählte Max Lemmenmeier im zweiten Teil seiner Vorlesungsreihe. Vor allem unter den jungen Männern habe grosse Begeisterung geherrscht. Die meisten Städterinnen und Städter hätten die allgemein militärfreundliche Stimmung mitgetragen. Einzelne, die ausgeschert seien, hätten für ihre Haltung büssen müssen. Wie etwa ein junger Zivilist, der bei der Vereidigung auf dem Klosterplatz die Mütze aufbehalten habe. Sie sei ihm vom Kopf geschlagen und er «als vaterlandsloser Gesell» vorübergehend ins Feuerwehrdepot eingesperrt worden.

Auf äussere Bedrohung reagiert

Der Kriegsausbruch führte gemäss Max Lemmenmeier zu einem grossen nationalen Schulterschluss auch in der St. Galler Bevölkerung. Man fühlte sich durch den rund ums Land ausbrechenden Krieg bedroht. Da gab es Dringenderes zu tun, als politische Kämpfe auszufechten.

Auch die Sozialdemokraten, die zuvor Aufrüstung und Militarismus bekämpft hatten, reihten sich ein. Dies allerdings in der Erwartung, dass da gerade der letzte Krieg des Kapitalismus ausbreche und letztlich der Sozialismus siegreich daraus hervorgehen werde.

Der Angriff auf Belgien konnte die mehrheitlich deutschfreundliche Stimmung in der Stadt nicht kehren. Die Verletzung der Neutralität wurde kritisch gesehen, von Tagblatt und Ostschweiz aber gerechtfertigt. Der Stadtanzeiger und die Volksstimme äusserten sich kritischer.

Bild: RETO VONESCHEN

Bild: RETO VONESCHEN