Ein nackter Mann im Frauenkloster

Ein Segler genoss einen lauen Sommerabend auf seinem Boot mitten im oberen Zürichsee. Er trank eine Flasche Rotwein und brach noch eine zweite an. Da-nach verfiel er auf die Idee, sich bei einem Bad abzukühlen. Lei-der vergass er, den Motor abzustellen, und so verschwand das Schiff in der Dunkelheit.

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Rolf Vetterli Alt Kantonsrichter St. Gallen (Bild: Hanspeter Schiess)

Rolf Vetterli Alt Kantonsrichter St. Gallen (Bild: Hanspeter Schiess)

Ein Segler genoss einen lauen Sommerabend auf seinem Boot mitten im oberen Zürichsee. Er trank eine Flasche Rotwein und brach noch eine zweite an. Da-nach verfiel er auf die Idee, sich bei einem Bad abzukühlen. Lei-der vergass er, den Motor abzustellen, und so verschwand das Schiff in der Dunkelheit.

Ein nächtlicher Schwumm

Dem Segler blieb nichts anderes übrig, als einen halben Kilometer weit ans st. gallische Ufer zu schwimmen. Da geriet er aber erst recht in eine ungemütliche Lage. Er hatte ja nichts dabei – kein Portemonnaie, kein Handy und vor allem keine Kleider. In seiner Verzweiflung lief er auf dem Strandweg geradeaus, bis er zu einem Kloster kam. Dort suchte er in der Kirche Zuflucht. Er mag sich gedacht haben, es sei von alters her die Aufgabe eines Gotteshauses, Schutzsuchenden vorübergehend Asyl zu gewähren.

Um sechs Uhr fanden sich die Nonnen zum Morgengebet ein und entdeckten hinter den Bänken den nackten Mann. Entsetzt schlugen sie Alarm. Eine Polizeistreife eilte mit Blaulicht und Martinshorn herbei. Sie hüllte als Sofortmassnahme den Mann in eine Wolldecke. Dann brachte sie ihn auf den Posten und liess ihn ins Röhrchen blasen. Dabei stellte sich heraus, dass er noch immer erheblich alkoholisiert war. Nun zeigte die Polizei ihn beim Untersuchungsamt Uznach an. Der Staatsanwalt erliess einen Strafbefehl und verurteilte den Schiffsführer wegen eines Vergehens gegen das Bundesgesetz über die Binnenschifffahrt zu einer bedingt aufgeschobenen Geldstrafe von zwanzig Tages-sätzen à 250 Franken und einer sogleich zahlbaren Busse von 2500 Franken.

Eine doppelte Bestrafung?

In seiner Hauszeitung bedauert das Untersuchungsamt, dass man dem unglückseligen Segler eine Strafe nicht habe ersparen können – er sei ja eigentlich schon genug gestraft gewesen. Von einer Strafverfolgung hätte der Staatsanwalt aber nur absehen können, wenn der Täter durch die unmittelbaren Folgen seiner Tat schwer betroffen worden wäre, und davon kann man nach dem zeitweiligen Verlust eines Segelschiffs und dem peinlichen Zusammentreffen mit einem Dutzend Nonnen kaum reden.

Glück im Unglück

Im Grunde ist der Segler noch glimpflich davongekommen. Angenommen, er wäre ans etwa gleich weit entfernte Schwyzer Ufer gelangt, dann hätten ihn die dortigen Behörden allenfalls auch noch deshalb gebüsst, weil er mit seinem Benehmen in der Öffentlichkeit Sitte und Anstand grob verletzte. Gestützt auf eine solche Bestimmung, kann nach Auffassung des Bundesgerichts jedermann bestraft werden, der unterwegs ist, ohne wenigstens ein Kleidungsstück zu tragen, welches seinen Intimbereich bedeckt.

Der Kanton St. Gallen kennt keine gleichartige Strafnorm. Hier kann ein Nacktwanderer nur belangt werden, falls er andere «mutwillig belästigt». Das trifft gewiss nicht zu, wenn jemand der Not und nicht dem eigenen Triebe gehorchend hüllenlos in der Öffentlichkeit auftritt.

Der Segler hat auch aus einem zweiten Grund Glück gehabt. Zu dieser Zeit galt Alkohol am Ruder nämlich noch als Kavaliersdelikt. Strafbar machte sich ein Freizeitkapitän erst, wenn sich im Einzelfall zeigte, dass er infolge seines Alkoholkonsums nicht mehr fahrfähig war. Angeheitert ein Schiff zu steuern, hiess es, sei eben weit weniger gefährlich, als angetrunken ein Auto zu lenken. Den sicheren Hafen finde man auch noch, wenn man sich zuvor ein paar Gläser Wein oder Bier genehmigt habe.

Diese leichtsinnige Haltung ist inzwischen aufgegeben worden. Seit kurzem haben Schiffsführer genauso wie Motorfahrzeuglenker einen Alkoholgrenzwert von 0,5 Promille zu beachten. Das gilt sogar für Benützer von Ruderschiffen, Schlauchbooten oder Pedalos. Der betrunkene Führer eines motorisierten Schiffes wird aber besonders hart angepackt.

Eine gründliche Lektion

Der Segler, der damals 1,6 Promille Alkohol im Blut hatte, müsste heute mit einer etwa doppelt so hohen Strafe und mit einem Entzug des Schifferpatents für eine ganze Saison rechnen. Er braucht diese Ermahnung aber wohl gar nicht. Ihm wird bei der Erinnerung an die turbulente Nacht im Sommer 2011 noch immer ein kalter Schauer über den Rücken laufen.

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