Ein Mann mit Weitsicht und Schaffenskraft

ST.GALLEN. Mit dem gestern Donnerstag verstorbenen Alt Regierungsrat und Alt Ständerat Ernst Rüesch verliert die Ostschweiz eine Persönlichkeit von ausserordentlichem Format.

Philipp Landmark
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Ernst Rüesch, 1928 - 2015. (Bild: pd)

Ernst Rüesch, 1928 - 2015. (Bild: pd)

Das Gehen fiel Ernst Rüesch schon einige Zeit schwerer, sein Gehör machte ab und zu eine Nachfrage nötig. Dennoch wurde der 87-Jährige regelrecht aus dem Leben gerissen: Im Kopf war Ernst Rüesch hellwach; sein breites Wissen, seine präzisen Erinnerungen, sein intelligenter Humor, seine liberale Überzeugung machten bis vor wenigen Tagen jedes Gespräch mit ihm zu einem erhellenden Vergnügen.

Am Dienstag nun wurde Ernst Rüesch, der als Fussgänger am Bohl unterwegs war, von einem rückwärts fahrenden Lieferwagen erfasst, am Donnerstagabend ist er an den dabei erlittenen Verletzungen gestorben.

Während vier Amtsperioden war Ernst Rüesch ab 1972 St.Galler Regierungsrat, zweimal in dieser Zeit war er Landammann. Seit 1972 war Ernst Rüesch auch Mitglied des Rotary-Clubs St.Gallen - ein Engagement, das seinem der Allgemeinheit verpflichtetem Denken und Handeln vollauf entsprach.

Als Vorsteher des Erziehungsdepartementes leistete Ernst Rüesch mit Bedacht und manchmal kleinen Schritten letztlich Grosses, so schuf er etwa für die Universität St.Gallen eine neue Basis.

Träger der anfänglich kleinen Handelsakademie war ursprünglich die Stadt St.Gallen, ab Mitte der fünfziger Jahre beteiligte sich der Kanton hälftig an den Kosten. Das weitere Wachstum überstieg schliesslich die Möglichkeiten der Stadt, was 1971 in der Ablehnung einer kantonalen Vorlage zum Ausbau der HSG auf dem Rosenberg führte: Stadtammann Alfred Hummler warb damals zuvorderst für ein Nein.

Mit Kompromissen zum Ziel
1972 traf Ernst Rüesch als neuer Erziehungsdirektor somit einen Scherbenhaufen an - und machte sich umgehend daran, eine Entlastung der Stadt zu erreichen. 1977 brachte er diese Vorlage in einer Volksabstimmung knapp durch, der Kanton übernahm darauf 70 Prozent der Kosten, die Stadt noch 30. Die weitere Entwicklung der Universität, dessen war sich Ernst Rüesch aber bald klar, würde nur positiv verlaufen, wenn die Stadt ganz aus der finanziellen Verantwortung entlassen würde. Zusammen mit dem in diesem Februar verstorben CVP-Politiker Paul Gemperli, der teilweise gleichzeitig mit Rüesch im Regierungsrat und im Ständerat wirkte, hat er ein Finanzausgleichspaket geschnürt, das neben anderen Punkten diese Entlastung beinhaltete. Der kompromissfähige Rüesch erreichte dieses Ziel, weil er gegenüber Gemperli in anderen Punkten nachgab.

Ernst Rüesch, der von 1949 bis 1971 selbst als Sekundarlehrer wirkte, machte sich später weit über St.Gallen hinaus einen Namen als weitsichtiger Bildungspolitiker. Er war fünf Jahre Präsident der Schweizerischen Erziehungsdirektorenkonferenz, danach auch Präsident der Schweizerischen Hochschulkonferenz und Mitglied im Wissenschaftsrat des Bundesrates oder auch Vizepräsident des Nationalfonds.

Meilenstein der Bildungspolitik
In dieser Zeit wurde in der Schweiz das Hochschulkonkordat erlassen, mit dem sich erstmals alle Kantone an der Finanzierung der Hochschulen beteiligten - ein Meilenstein in der Schweizerischen Bildungspolitik. "Aber bis das erreicht war!", erinnert sich Ernst Rüesch in seinem von Liana Ruckstuhl aufgezeichneten, 2012 publizierten Lebensportrait. Am heftigsten habe sich der Kanton Wallis widersetzt, der vielmehr von den anderen Kantonen für die klugen Köpfe, die dem Wallis den Rücken kehren, entschädigt werden wollte...
Die Leistungen von Ernst Rüesch in der Bildungspolitik und insbesondere für die Universität St.Gallen wurden 1989 mit der Verleihung des Titels eines Ehrendoktors der HSG gewürdigt.

1987 wurde Ernst Rüesch nach einem harten Wahlkampf als St.Galler Ständerat gewählt. Dort mutierte er zum Finanzpolitiker, er war stets Mitglied der ständerätlichen Finanzkommission und fünf Jahre auch in der einflussreichen Finanzdelegation beider Räte, ein Gremium, "das man durchaus als 'Schattenregierung' bezeichnen könnte", wie sich Rüesch erinnerte. Er gehörte auch der Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) an, die sich mit der als "Fichen" bekannt gewordenen Datensammlung des Staatsschutzes befasste. Rüesch verlangte in der Folge mit einer in beiden Räten angenommenen Motion ein neues Staatsschutzgesetz.

Ernst Rüesch engagierte sich während seiner Zeit im Ständerat auch in der Wirtschaft: Acht Jahre lang gehörte er dem Verwaltungsrat der AG für die neue Zürcher Zeitung an, zehn Jahre lang war er zudem Verwaltungsrat der Rentenanstalt, sechs Jahre davon als dessen Präsident. In der Region war er als Verwaltungsrat bei Frisco-Findus, Bühler Uzwil und der Bank CA tätig.

Hinter diesem öffentlichen Engagement stand ein belesener Mann, der gerne in seiner persönlichen Bibliothek schmökerte oder noch lieber mit seiner Frau Zeit im Kreis seiner Familie verbrachte.

Offizier aus Überzeugung
Bekannt hingegen ist: Ernst Rüesch war stets ein engagierter, pflichtbewusster Offizier. Viele Diensttage investierte er in die Armee, der er schliesslich als Brigadier und Kommandant der Grenzbrigade 8 diente. Vom Sinn dieses Tun war er absolut überzeugt, daran liess er in engagiert geführten Diskussionen keinen Zweifel. Gleichzeitig konnte er aber mit einem Schmunzeln über die Spezies der "Kalten Krieger" reden, und wenn er Anekdoten aus der langen Militärzeit erzählte, blitzte bald auch der ihm eigene Schalk in seinen Augen auf.

Diese Augen haben sich nun für immer geschlossen.