Ein Lesesaal ohne Leser

Der Lesesaal der Kantonsbibliothek Vadiana wird nicht mehr als Arbeitsplatz für die Öffentlichkeit genutzt und steht derzeit leer. Was mit dem grossen Saal passiert, ist noch offen.

Perrine Woodtli
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Der Lesesaal der Kantonsbibliothek Vadiana wird derzeit renoviert und steht leer. Gerade bei Studenten war der Saal beliebt. (Archivbild: Ralph Ribi)

Der Lesesaal der Kantonsbibliothek Vadiana wird derzeit renoviert und steht leer. Gerade bei Studenten war der Saal beliebt. (Archivbild: Ralph Ribi)

Dort, wo im Frühjahr noch Studenten und andere Wissenshungrige Zuflucht suchten und Ruhe fanden, herrscht heute Stille. Der Lesesaal der Kantonsbibliothek Vadiana steht seit einem Monat leer und wird renoviert. Ende Februar wanderte ein Teil des Bestandes der Vadiana in die Bibliothek in der Hauptpost. Seither gibt es in der Vadiana keine Arbeitsplätze mehr für die Öffentlichkeit. Der Versuch, den Lesesaal als Rara-Leseraum für die Kantonsbibliothek und die Stadtarchive zu nutzen, scheiterte. Der Rara-Leseraum befindet sich seit einem Monat wieder an seinem alten Platz. Rara sind alte und seltene Schriften und Drucke aus Altbeständen von Bibliotheken. Der Lesesaal wartet derzeit darauf, genutzt zu werden.

Eine passende Lösung finden

Eine Lösung für den momentan leerstehenden Lesesaal gibt es noch nicht. «Wir sind aber dran, eine zu finden. Etwas Handfestes kann ich jedoch noch nicht dazu sagen», sagt Sonia Abun-Nasr, Leiterin der Kantonsbibliothek. Da der Lesesaal denkmalgeschützt ist, darf nichts daran geändert werden. Folglich gibt es laut Sonia Abun-Nasr nicht viele andere Nutzungsmöglichkeiten. «Es gibt ein kleines Spektrum an Alternativen. Im Saal könnten beispielsweise Seminare stattfinden.» Dass der Saal für die Öffentlichkeit bestehen bleibt und es mit der Hauptpost zwei Standorte mit Arbeitsplätzen gibt, sei nie ein Thema gewesen. «Teil des Provisorium-Plans war, dass die Hauptpost für die Öffentlichkeit ist.» Jetzt sei es wichtig, eine Lösung für den Saal zu finden.

Plätze für Studenten

Im März war es die Idee, den ursprünglichen Lesesaal in einen Rara- und Archivlesesaal umzufunktionieren. «Wir mussten aber feststellen, dass der Rara- und Archivlesesaal nicht mehr Leute anlockte», sagt Sonia Abun-Nasr. Also öffnete der Rara-Leseraum wieder an seinem alten Ort und ist von Montag bis Freitag zugänglich. Der Raum ist für das wissenschaftliche Arbeiten vorgesehen. Da Spezialbestände konsultiert werden, ist eine Aufsicht vor Ort.

Neben dem Lesesaal und dem Rara-Leseraum gibt es den Ausstellungsraum. Neu ist der Saal auch für Studenten zugänglich – zumindest teilweise. «Wir haben nach dem Umzug mit der Universitätsbibliothek vereinbart, dass wir während der Lern- und Prüfungsphasen etwa 20 Plätze im Ausstellungssaal für die Studenten zur Verfügung stellen.» Es sei ja bekannt, dass die Studenten dann in der ganzen Stadt auf der Suche nach Arbeitsplätzen sind.

Diese Plätze finden die Studenten seit März in der Bibliothek Hauptpost. Auch wenn zu Beginn ein «gewisses Bedauern» vorhanden war, glaubt die Kantonsbibliothek-Leiterin, dass besonders die Studenten, aber auch andere Nutzer den neuen Standort angenommen haben. In der Hauptpost stehen um die 100 Arbeitsplätze zur Verfügung. Diese seien gut besetzt, die Gruppen seien durchmischt. Sonia Abun-Nasr: «Ich kann es nachvollziehen, dass es eine gewisse Zeit braucht, bis man sich an einen neuen Arbeitsplatz gewöhnt hat. Damit ändert sich die ganze Arbeitsatmosphäre.»

Bloss ein Standort dank Fusion

Auch wenn die Aufteilung der Kantonsbibliothek gut funktioniere, ist es laut Sonia Abun-Nasr nicht der Idealzustand. «Die beste Lösung ist die in einiger Zeit vorgesehene Fusion von Kantons- und Stadtbibliothek.» Der aktuelle Zustand sei für sie klar ein provisorischer. «Wichtig ist, dass die Menschen unter den Bedingungen des Provisoriums richtig in den Bibliotheksräumen arbeiten können. Und ich glaube, das können sie.»