Ein Leben gegen Widerstände

ST.GALLEN. Arthur Honegger war ein Verdingkind, wurde in Heimen misshandelt, bis er sich als Journalist und Politiker einen Namen machte. Heute erzählt er im Historischen und Völkerkundemuseum aus seinem Leben. Eine Begegnung in Krummenau.

David Gadze
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«Ich habe noch einiges vor»: Arthur Honegger strahlt auch heute noch Vitalität und Kraft aus. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Ich habe noch einiges vor»: Arthur Honegger strahlt auch heute noch Vitalität und Kraft aus. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Begrüssung ist herzlich, der Händedruck stark, voller Leben. Arthur Honeggers Geist ist wach, sein Wesen einnehmend. Seit 36 Jahren lebt er hier mit seiner Frau Heidi, in einem Haus auf einem Hügel von Krummenau. 64 Jahre lang sind sie verheiratet. Im zürcherischen Gossau haben sie sich das Jawort gegeben, «weil dort die Glocken so schön läuteten, jeden Samstag, wenn ich auf dem Feld arbeitete», sagt er mit leuchtenden Augen. In der Küche hängt ein Bild von seinem Esel, «einem ganz lieben». Der Esel wird nach Erscheinen des Buchs «Alpträume» im Jahr 1981 vergiftet, die Familie mit dem Leben bedroht.

Honeggers Büro ist voller Bücher. Auf dem Tisch liegt neben Werken über Walther Bringolf und Helmut Schmidt sein neues Werk «Wovon ich rede», eine Aufarbeitung seines Lebens.

«Ich spüre das immer noch»

Es ist ein Leben, das zu einem grossen Teil von Lieblosigkeit, Gewalt, Widerständen und Angst geprägt ist. 1924 kommt Honegger in St. Gallen zur Welt. Die Mutter habe ihn einen Tag nach der Geburt in einer Kartonschachtel ausgesetzt, erzählt man ihm. Erst vor wenigen Jahren erfährt er, dass er ihr als «illegales Kind» weggenommen wurde. Weil sie minderjährig und ledig war. «Eine Hure», wie ihm seine strenggläubige Pflegemutter beim Morgengebet eintrichtert. Die Mutter wird in einem Mädchenheim versorgt, «Turi» kommt ins damalige Waisenhaus Tempelacker. «Dort wurde ich geplagt. Ich habe das nicht richtig mitbekommen. Aber ich spüre immer noch, dass dort etwas mit mir passiert ist», sagt Honegger. Bis heute habe er Angstzustände und könne nachts nicht ohne Licht schlafen.

Knapp einjährig kommt er zu einer Pflegefamilie nach Tann. Wenn er in der Dunkelheit schreit, wird er von der Pflegemutter verprügelt. Sein Papa, «ein liebevoller Mensch, der mir ein richtiger Vater war», ist machtlos. Turi geht gern zur Schule, hat gute Noten. Der Lehrer verweigert ihm die Prüfung zur Sekundarschule. Der Pfarrer schlägt ihn regelmässig. Der Vormund wirft ihm Knüppel zwischen die Beine, jahrelang. «Du musst dir nichts einbilden, du landest sowieso im Zuchthaus», sagt er ihm.

Ein Leben ohne festen Halt

Mit 15 Jahren steckt man Honegger ohne Begründung ins Pestalozziheim «für schwererziehbare Kinder» in Schlieren. Dann plaziert ihn der Vormund als Verdingbub bei einem Bauern. 1941 wird er in die Kantonale Erziehungsanstalt Uitikon eingewiesen, misshandelt und gedemütigt.

«Ich habe davon geträumt, Schauspieler zu werden», sagt Honegger. Heinrich Gretler will ihm helfen, der Traum scheint ganz nah. Dann muss er in die Rekrutenschule. «Sonst wäre ich im Bühnenstudio gelandet, ganz sicher. Gretler hätte sich für mich gewehrt.» Gewehrt gegen Fankhauser, den Adjunkten aus Uitikon, der Honegger wie ein böser Geist jahrelang verfolgt. Wegen Fankhauser zerschlägt sich der Traum von der Schauspielerei. «Es war immer dasselbe: Ich habe gearbeitet, meine Sache gut gemacht. Dann kam Fankhauser, und es war vorbei. Doch ich wollte mich nie rächen. Obwohl ich viele Konflikte erlebt habe, bin ich ein friedlicher Mensch.» Trauer ist in seinem Blick. Keine Wut. Wenn er von seiner Jugend erzählt, sackt er im Stuhl zusammen, als wolle er sich verkriechen.

Die Schatten der Vergangenheit

1962 wird Honegger Redaktor beim «Blick», ein Wendepunkt in seinem Leben. Später ist er Chefredaktor des «Diners Club»-Magazins. Doch selbst als in seinem Leben die Sonne zu scheinen beginnt, werfen die dunklen Wolken der Vergangenheit lange Schatten. Immer wieder. Die Familie lebt in Bülach. Bis 1972 Fankhauser auftaucht und den Gemeindepräsidenten aufsucht. Dieser sagt Honegger «vor allen Leuten», er solle «mit seiner Brut abhauen».

Im Jahr 1991 wird Honegger ins St. Galler Kantonsparlament gewählt. Fünf Jahre lang sitzt er für die SP im damaligen Grossen Rat. «Ich habe mich in keinem anderen Verein so aufgehoben gefühlt wie in der SP-Fraktion», sagt er.

Er sei nicht sicher, ob er seine Geschichte je verarbeiten könne. «Aber ich kann damit umgehen. Heute bin ich ein zufriedener alter Mann, der mit seinen Schwierigkeiten und Fehlern zu kämpfen hat», sagt der einstige Verdingbub. Er lächelt, seine Augen leuchten.

Heute, 19 Uhr, Historisches und Völkerkundemuseum. Eintritt frei.

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