Ein Leben für die Pferde

Silvia Iklé, die in einer Arztfamilie in St. Gallen aufwuchs, war eine der besten Dressurreiterinnen der Schweiz. Sie beendete ihre Karriere 2008 – weil sie nicht mehr wollte, dass ihre Pferde lange reisen müssen.

Margrith Widmer
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Silvia Iklé war eine der besten Dressurreiterinnen der Schweiz. Jetzt ist eine Biographie über die St. Gallerin erschienen. (Bild: pd)

Silvia Iklé war eine der besten Dressurreiterinnen der Schweiz. Jetzt ist eine Biographie über die St. Gallerin erschienen. (Bild: pd)

Sie ist eine der Grossen des Schweizer Dressurreitens, die aus St. Gallen stammende Silvia Iklé. Mit ihren Pferden Florian, Romario, Spada und Salieri war sie Weltklasse. Jetzt ist eine Biographie über sie erschienen.

2008 war Schluss: Silvia Iklé entschied, mit ihren Pferden Salieri CH und Romario nicht an den Olympischen Spielen in Hongkong teilzunehmen. Die Begründung: In ihrer ganzen Laufbahn als Dressurreiterin habe sie stets dem Wohl ihrer Pferde höchste Priorität eingeräumt und ihre persönlichen Interessen und Ambitionen in den Hintergrund gestellt. Deswegen reiste sie auch zwei Mal nicht ans Weltcup-Finale in Las Vegas.

«Chapeau, Madame!»

Mit dieser «Hiobsbotschaft» für den Schweizer Dressurreitsport beginnt Heinrich Schaufelbergers Biographie von Silvia Iklé «Alles Pferde, oder was?». Die Aufregung war umso grösser, weil sie mit Salieri zum Spitzentrio der Weltrangliste gehörte. Anderseits zogen Fachtierärzte den Hut vor der Reiterin: «Chapeau, Madame!», schrieb ihr der Bochumer Fachtierarzt für Pferde, Peter. E. Cronau.

Der Verzicht war typisch für Silvia Iklé. Für sie war immer klar: «Ein Pferd ohne Reiter ist immer ein Pferd. Ein Reiter ohne Pferd nur ein Mensch.»

Sie wuchs in einer Arztfamilie in St. Gallen auf und war schon als kleines Kind von Pferden fasziniert. Sie wollte nur Pferde und reiten, aber nicht unbedingt als Beruf – und sie dachte keineswegs an Spitzensport: «Der Beruf als Ausbilderin ist enorm anstrengend – physisch und physisch. Das würde ich auch keiner jungen Frau empfehlen», sagt Silvia Iklé, die in ihrem Ausbildungsstall in Niederhasli seit vielen Jahren Dressurreiter und -reiterinnen ausbildet. Sie ist ein Ausnahmetalent. Und sie begann schon früh, Pferde auszubilden. Das war ihre grosse Freude: Die Erfolgserlebnisse, dass so ein riesiges Tier so viel lernt und mit winzigen Hilfen lenkbar ist, das fasziniert sie immer und immer wieder. Sich mit einem selber ausgebildeten Pferd mit der Weltspitze zu messen, war für die junge Frau schon eine Herausforderung.

Ein Pferd «zwingt» zur Dressur

Die Eltern waren nicht begeistert; sie fürchteten um die Gesundheit der Tochter. Nicht von ungefähr. Silvia Iklé begann mit Springen – und verunfallte schwer: Schädelbruch. Natürlich gab sie nicht auf. Nur: Mit Handelspferden zu arbeiten, die dann verkauft wurden, war nicht ihr Ding.

In den 1960er-Jahren gab es praktisch nur männliche Profis im Reitsport. Sie selber wollte einen «richtigen Beruf», absolvierte die Handelsschule und arbeitete bei der damaligen Firma Güttinger in Niederteufen. Neben Talent und Willen hatte sie auch das Glück, von guten Ausbildern lernen zu können: Paul Weier, Harry Bolt, Rainer Klimke, Fredy Knie und Georg Wahl.

Zwischen Genie und Wahnsinn

1997 ritt sie an der «Swiss Sales Selection» einen Dunkelbraunen namens Sunny Boy CH – sie fühlte sich wohl auf ihm, kaufte ihn und taufte ihn in Salieri CH um. Mit ihm wurde sie weltberühmt. Dieses Pferd schwanke zwischen Genie und Wahnsinn, sagte Rainer Klimke, einer der erfolgreichsten Dressurreiter aller Zeiten.

2003 trat Silvia Iklé zum ersten Mal mit Salieri CH am Weltklasseturnier in Aachen auf die Weltbühne des Reitsports: Sie fielen auf Anhieb auf. Schon damals wuchs sein Marktwert in astronomische Höhen. Salieri blieb bis zu seinem Tod bei Silvia Iklé.

Der Bruch kam an den Olympischen Spielen in Athen: Als das Flugzeug in ein schweres Gewitter mit heftigen Turbulenzen geriet, rastete Salieri vor Panik aus. Der mutige Bereiter Hansruedi Geissmann verhinderte, dass sich das Pferd verletzte und brachte den Wallach heil in die Olympiastallungen. Damals beschloss Silvia Iklé, Salieri müsse nie wieder fliegen. 2012 stand sie mit Salieri bei ihrem Abschied vom Spitzensport in Stuttgart zum letzten Mal im Scheinwerferlicht. Eine Woche später starb der schöne Dunkelbraune an einer heftigen Kolik. Es geht weiter: 2013 kaufte sie ein junges Pferd, Flash Dance, einen wunderschönen Fuchs, in der Schweiz geboren, mit wunderbaren Gängen. Es ist eine neue Herausforderung für Silvia Iklé. Es wird wieder klappen: «Das Vertrauen ist bereits da», sagt sie.

Heinrich Schaufelberger «Alles Pferde, oder was? Silvia Iklé, ein Leben für Pferde» –Appenzeller Verlag