Ein Leben für 88 Tasten

MÖRSCHWIL/RHEINTAL. Die aufstrebende Pianistin Esther Keel hat diese Woche ihre fünfteilige Konzerttour durch die Ostschweiz beendet. Die Amerikanerin über die Suche nach ihren Rheintaler Wurzeln und ihre Liebe zur Musik.

Corina Tobler
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Pianistin mit Zukunft: Esther Keel beeindruckte bei ihren Konzerten in der Ostschweiz mit ihrem Können am Flügel. (Bild: Ralph Ribi)

Pianistin mit Zukunft: Esther Keel beeindruckte bei ihren Konzerten in der Ostschweiz mit ihrem Können am Flügel. (Bild: Ralph Ribi)

Es regnet – nichts Neues zurzeit. Die Aussicht aus dem Fenster in Mörschwil ist grau und wenig attraktiv. Doch Esther Keel ist fasziniert von dem, was sie sieht. «Es ist völlig neu für mich, aus dem Fenster schauen zu können und so viel Grün zu sehen. Hier kann man gemütlich von einer Siedlung zur nächsten fahren, in Los Angeles gibt es nur eine Riesenstadt und völlig überfüllte Highways», sagt sie und klingt immer noch etwas erstaunt. Sie ist begeistert von ihrem ersten Besuch in der Schweiz.

«Es macht alles einen so friedlichen Eindruck hier mit den Bergen und dem Bodensee», schwärmt sie. Obwohl Keel bis jetzt noch nie hier war, hat sie eine spezielle Beziehung zur Ostschweiz. Die Amerikanerin, deren Eltern beide Koreaner sind, hat nämlich ihre Wurzeln im St. Galler Rheintal. «Ich weiss noch, wie ich als kleines Mädchen beim Betrachten alter Fotos meines Grossvaters meine Eltern verwundert gefragt habe, wieso er so komisch aussah», erzählt sie schmunzelnd. Woher sie genau kommt, weiss Keel aber nicht.

Ihre Familiengeschichte lässt sich rund 200 Jahre zurückverfolgen. «Die Spuren führen nach Rebstein oder Altstätten», sagt sie. Dort gab sie vor zwei Tagen das Abschlusskonzert ihrer fünfteiligen Konzerttour, die die Ursache für den Aufenthalt in der Schweiz ist. Ermöglicht hat ihr dies das Mörschwiler Ehepaar Solinski, das regelmässig junge Pianisten fördert (siehe Kasten).

Grosses Potenzial

«Die Tour war eine tolle Erfahrung für mich, vor allem weil ich auch Zeit hatte, etwas von der Schweiz zu sehen. Ich habe jedes einzelne Konzert genossen und war begeistert von der überschwenglichen Reaktion der Leute», freut sie sich. Der jungen Künstlerin wird grosses Potenzial attestiert, zumal die Absolventin der renommierten New Yorker Juilliard School bereits diverse Erfolge an wichtigen Wettbewerben in Europa und Amerika verbuchen konnte.

Weshalb das so ist, stellte sie auch am Dienstag bei ihrem Rezital in der Unteren Waid in Mörschwil mit einem eindrücklichen Auftritt unter Beweis.

Dass die 88 schwarzen und weissen Tasten zu ihrem Lebensweg werden würden, war für Keel schon als Kind klar. «Ich komme aus einer Musikerfamilie, habe immer Musik gehört und bald Spass am Klavierspielen gefunden.

Natürlich übte ich als kleines Kind nicht immer gern, aber je älter ich wurde, desto grösser wurde meine Freude daran», sagt sie lachend.

Spielen statt träumen

Dass die Musik ein harter Konkurrenzkampf ist, stört sie nicht. «Konkurrenz spornt ein Stück weit immer auch an. Ich finde es deshalb sehr wichtig, an Wettbewerben teilzunehmen, denn die Stimmung dort ist zwar oft unangenehm, aber die Vorbereitung darauf ist äusserst wertvoll. Man will jeden Ton perfektionieren.» Keel ist an solchen Herausforderungen gewachsen.

Zurzeit ist sie kurz davor, als Pianistin flügge zu werden. «Ich studiere für mein Künstlerdiplom, die letzte Stufe vor dem Leben als Profimusikerin.» Sie möchte sich gerne möglichst vielfältig betätigen: «Am liebsten würde ich solo und im Ensemble spielen, und auch Unterrichten macht mir Spass.» Entsprechend breitgefächert ist auch ihre Lieblingsmusik – von Bach über Mozart und Chopin bis zu Schumann mag sie alles. «Ich habe kein festes Ziel.

Es gibt in der Musik keine Erfolgsgarantie, darum lebe ich nicht einem Traum nach, der sich vielleicht nie erfüllt. Ich spiele einfach und sehe, welche Möglichkeiten sich auftun.»