Ein Kreisel wächst hoch hinaus

WITTENBACH. Die Wittenbacher sehen rot. Oder blau. Oder bunt. Je nachdem, von welcher Seite sie sich dem Bahnhofkreisel nähern. Dort werden seit Mittwoch die kunstvoll bemalten Säulen von Sabeth Holland installiert. Sie sind mehr als nur Farbtupfer.

Corinne Allenspach
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Künstlerin Sabeth Holland hilft beim Aufstellen der Metallsäulen im Bahnhofkreisel. Auf der Rückseite prangen die Wittenbacher Farben. (Bild: Michel Canonica)

Künstlerin Sabeth Holland hilft beim Aufstellen der Metallsäulen im Bahnhofkreisel. Auf der Rückseite prangen die Wittenbacher Farben. (Bild: Michel Canonica)

«Halt, stop!» Sabeth Holland gestikuliert und stürmt auf den Kreisel zu. Um ein Haar hätten die Arbeiter eine ihrer Säulen am falschen Ort montiert. Und damit die ganze Installation durcheinandergebracht. Denn was seit Mittwochmorgen am Bahnhofkreisel entsteht, ist mehr als eine Ansammlung von bunten, zufällig plazierten Metallsäulen. Es ist ein bis ins Detail geplantes Kunstwerk der renommierten Künstlerin Sabeth Holland und eine Hommage an Wittenbach.

«Der schönste Kreisel Europas»

Kunststück, will die St. Gallerin bei der Installation ihres Kunstwerks nichts dem Zufall überlassen. Sie habe einige Nächte schlecht geschlafen, sagt sie. «Ich weiss, dass nicht alle Leute einsehen, warum Kreisel gestaltet werden müssen.» Beim Einrichten vergangene Woche hat sie das auch hie und da zu hören bekommen. Aber mit jeder Säule mehr, die im Kreisel aufgestellt wird, treten bewundernde Blicke und Bemerkungen anstelle der kritischen. Sabeth Holland selber freut sich wie ein Kind vor dem geschmückten Christbaum. «Das wird der schönste Kreisel Europas», sagt sie und lacht.

Kraftvoll, aber nicht überladen

«Begegnung» heisst das Werk aus 51 Säulen. Ursprünglich hätten es 63 werden sollen – gleich viele wie Widenblätter auf dem Wittenbacher Gemeindewappen. «Aber das wäre zu intensiv geworden», ist Sabeth Holland überzeugt, die unter anderem in New York und den Niederlanden ausgestellt hat. Und in der Region den «Bärenbär» im Garten des «Bären» in Häggenschwil geschaffen hat. 51, das sei genau richtig. «Mir war wichtig, dass das Werk kraftvoll, aber nicht überladen ist. Und in die Höhe wächst, aber nicht hochnäsig wirkt.»

Für die Gestaltung ihres Werks hat sich Sabeth Holland viel Zeit genommen, Wittenbach kennenzulernen. Sie ging dort einkaufen, Kaffee trinken, sie machte Spaziergänge, plauderte mit Leuten und fotografierte alles, was ihr aufgefallen ist. Dabei habe sie festgestellt: «In Wittenbach gibt es viele Kinderwagen, viele Velos, viele Kühe, einige Pferde und Riegelhäuser.» Genau diese Objekte und viele mehr sind auf den Säulen zu erkennen. Allerdings erst bei genauer Betrachtung. Das ist genau eines der Ziele: «Ich wollte einen Punkt kreieren, der Passanten zum Verweilen einlädt.»

Wittenbacher Farben

Ihre Beobachtungen hat Sabeth Holland zuerst zu einem «Wimmelbild» verarbeitet. Dieses, drei Meter lang, bringt nun Farbe ins Gemeindehaus. Allein am Bild habe sie fünf Monate gearbeitet, am ganzen Projekt «Begegnung» fast zwei Jahre lang. Die Säulen sind aber nicht direkt bemalt, sondern mit einer wetterfesten Spezialfolie bedruckt. Und auf der einen Seite in den Wittenbacher Farben Rot, Blau und Weiss gehalten. So zeigt das Kunstwerk stets ein anderes Gesicht – je nachdem, von welcher Seite aus man es betrachtet.

Nur die Hunde fehlen

Und das macht am Mittwoch nicht nur Sabeth Holland, sondern auch viele Passanten. Wie die beiden jungen Frauen, die mit ihren Hündchen vorbeispazieren. «Oh, Hunde habe ich vergessen», sagt Sabeth Holland und lacht. Ein Lachen, das vor Energie sprüht, wie die Künstlerin selbst.