Ein Jungbauer, aber noch keine Frau

ST.GALLEN. Der 34jährige Widnauer Landwirt Peter Nüesch ist neuer Präsident des St.Galler Bauernverbands. Er erhält von den Delegierten bereits im ersten Wahlgang deutlich mehr Stimmen als die bisherige Vizepräsidentin Seline Heim.

Marcel Elsener
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Peter Nüesch und Seline Heim gestern vormittag kurz vor der Wahl in der Olma-Halle 9 – da lachten noch beide. (Bild: Ralph Ribi)

Peter Nüesch und Seline Heim gestern vormittag kurz vor der Wahl in der Olma-Halle 9 – da lachten noch beide. (Bild: Ralph Ribi)

Im St.Galler Bauernverband ist die Zeit reif für einen jungen Präsidenten, aber noch nicht für eine Frau: Der 34jährige Peter Nüesch schaffte gestern in der St.Galler Olma-Halle 9 die Wahl überraschend deutlich im ersten Gang. Er erhielt 197 von 320 Delegiertenstimmen, die 49jährige Seline Heim aus Gossau dagegen lediglich 119 Stimmen.

«Können wir uns vorstellen, eine Frau an die Spitze des St.Galler Bauernverbandes zu wählen und damit Geschichte zu schreiben?», hatte Barbara Dürr, die Präsidentin des St.Galler Bäuerinnenverbands, gefragt. Den Mut des St.Galler Verbandes, der Seline Heim 2005 als erste Frau schweizweit zur Vizepräsidentin machte, haben seine Delegierten offensichtlich noch nicht.

Junge Energie gefragt

Die Zeit sei noch nicht reif für eine Frau an der Spitze, sagte eine gefasste, aber sichtlich enttäuschte Seline Heim nach der verpassten Wahl. «Ich wusste, dass es schwierig wird. St.Gallen ist neben allen Fortschritten eben immer noch ein konservativer Kanton.»

Der Grund ihrer Nichtwahl könnte noch ein anderer sein, wie manche mutmassten: Statt einer Person, die bereits zwölf Jahre im Vorstand wirkte und gemäss Amtsdauerbeschränkung nur vier Jahre Präsidentin hätte sein dürfen, bevorzugte die Mehrheit «frischen Wind» und damit einen jungen Berufsmann, der seinerseits «speziell die Kommunikation mit den Jungen verbessern will», wie er gegenüber unserer Zeitung sagte. Im Gegensatz zu Heim, die seit 2004 für die CVP im Kantonsrat sitzt und entsprechend gut vernetzt ist, hat das FDP-Mitglied Nüesch derzeit keine Ambitionen für ein politisches Amt. Nach vier Jahren im Kantonalvorstand und aufgrund seines Sitzes in der Landwirtschaftskammer des nationalen Verbandes verfügt der junge Rheintaler trotzdem über ein weites Kontaktfeld. In seiner Eigenwerbung vor den Delegierten – auf dem Foto neben einer Kuh, wogegen sich seine Mitbewerberin mit Ueli Maurer zeigte – betonte Nüesch seine zukunftsgerichtete Energie, die «frischen Ideen und neuen Einsichten».

Familiärer Grossbetrieb

Inhaltlich unterschieden sich der Kandidat und die Kandidatin wenig: So betonten beide ihren Einsatz gegen ausufernde Gewässerschutzräume – für Heim ein «verschwenderischer Luxus», für Nüesch ein «unhaltbares Opfer». Und beide bekannten sich, auch kraft ihrer eigenen Herkunft und Arbeit, klar zum Familienbetrieb. Dabei musste Nüesch kritische Fragen zu seinem «Grossbetrieb mit 100 Kuh-Melkrobotern» beantworten, was er souverän tat: Er wisse sich «sehr wohl auch in kleinere Betriebe» in weniger begünstigten Gegenden einzufühlen, auch weil ihm Zusammenarbeit wichtig sei. Tatsächlich liefere er gut eine Million Kilogramm Milch, aber es müssten drei Familien (nebst seiner die vom Bruder und vom Vater) davon leben können; man habe seit 1977 schrittweise vergrössert und Kontingente stets im Tauschhandel erworben. «Bei Kooperationen müssen beide Seiten profitieren.»

Nüesch sei ein «gutes Beispiel für einen jungen, innovativen, produzierenden Bauer», meinte einer – da half der Frau am Ende auch die Wahlempfehlung durch CVP-Nationalrat Köbi Büchler nicht mehr. Dass auf den Nachfolger von Markus Ritter viel Arbeit wartet, ist sich Peter Nüesch bewusst; er wird nach eigener Einschätzung einen Drittel seiner Arbeitszeit für den Verband benötigen. Mehr zur DV des Bauernverbands in der morgigen Ausgabe.

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