Ein Jäger, kein Sammler

Der Schweizerische Wildhüterverband hat gestern im Festsaal der Ortsbürgergemeinde Diplomübergabe gefeiert. Diplomiert wurde auch der städtische Wildhüter Mirko Calderara. Sein Beruf ist für ihn die Erfüllung eines Bubentraums.

Sarah Schmalz
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Berufsjäger Mirko Calderara betreut als Wildhüter Stadt St. Gallen und Region. (Bild: Jonny Schai)

Berufsjäger Mirko Calderara betreut als Wildhüter Stadt St. Gallen und Region. (Bild: Jonny Schai)

Wildhüter ist erst seit kurzem ein eidgenössisch anerkannter Beruf: 2007 legten die ersten Prüflinge die Berufsprüfung ab. Gestern fand im Festsaal der Ortsbürgergemeinde die dritte Diplomübergabe statt (Kasten). Mirko Calderara nimmt mit seinem Diplom die Bestätigung für seine geleistete Arbeit entgegen: Denn der 40-Jährige ist bereits seit acht Jahren als Wildhüter für Stadt und Region St. Gallen zuständig. Ein «langer Schlauch» ist sein Gebiet, das vom Untertoggenburg über das Appenzellerland bis ins Rheintal hineinreicht.

Ein Rucksäckli gepackt

Lehrer, Förster, Grenzwächter: Da Wildhüter kein klassischer Ausbildungsberuf ist, kommen die Diplomanden aus den unterschiedlichsten Berufsfeldern. Viele hätten ihren Traumberuf über verschlungene Pfade gefunden, sagt Calderara. Er selbst hingegen wollte schon als Kind Wildhüter werden. Sein Nachbar, der Wildhüter von Appenzell Ausserrhoden, nahm den Bub jeweils auf seine Streifzüge mit und brachte ihm das Jagen bei.

Calderara schmunzelt beim Gedanken an seine Kindheit. In seinem Elternhaus sei wenig Fleisch gegessen worden. Doch man hielt Schafe. Er habe die Tiere gerne gehabt. «Ich hatte aber auch schon immer sehr gerne Fleisch.» Beim Schlachten der Schafe hat der Bub erst zugeschaut, «dann habe ich es selber ausprobiert». Es sei ihm dabei nie um die Lust am Töten gegangen, sondern darum, die Arbeit möglichst gut zu machen – für das bestmögliche Fleisch.

Nach seinem Schulabschluss liess sich Calderara zum Metzger ausbilden. Ihm sei schon damals bewusst gewesen, dass die Wildhüterstellen dünn gesät und sehr begehrt seien. «Deshalb wollte ich mir ein gut gefülltes <Rucksäckli> zulegen.»

Jagen beim Landadel

Nach der Lehre packte der Metzger seinen Rucksack und brach nach Deutschland auf, um sich zum Berufsjäger ausbilden zu lassen: auf den Jagdgründen eines Barons in Bad Hönningen am Rhein. Forst- und Landwirt sei wohl die bessere Bezeichnung für den Adeligen, sagt Calderara. Mit einem einfachen Bauernhof aber haben die 1000 Hektar grossen Ländereien auf dem Schlossberg wenig gemein. «Wir habens nicht vom Ausgeben, sondern vom Behalten», zitiert Calderara den deutschen Landadel. Vor allem ihm sei es zu verdanken, dass es in Deutschland, im Gegensatz zur Schweiz, noch Berufsjäger gebe.

Calderara blieb zehn Jahre lang auf dem Schlossberg. Er habe dort gelernt, Dinge wahrzunehmen, die vielen gar nicht auffielen. «Wetterstimmungen und Geschmäcker etwa.» Noch immer geht es ihm beim Jagen aber nicht bloss um die Schönheiten der Natur. «Es ist das Nachstellen. Die gespannte Frage, was einem wohl vor die Flinte läuft. Ich wäre wohl auch früher ein Jäger gewesen, kein Sammler.»

Marderschreie eines Güggels

Vor acht Jahren ist Calderara in die Schweiz zurückgekehrt; mit der Anstellung als Wildhüter beim Kanton konnte er sich seinen Bubentraum verwirklichen. Nach den weiten deutschen Jagdgründen musste sich Calderara an die engen Schweizer Verhältnisse gewöhnen. Neue Lebensräume wollte er für die Wildtiere schaffen; inzwischen habe er akzeptiert, dass die Verdichtung nicht aufzuhalten sei. «Doch ich versuche, im Kleinen einzugreifen.»

Die Jagd spielt in Calderaras Berufsalltag nicht mehr die Hauptrolle. Er ist auch «Polizist, Aufklärer, Berater». Auf dem Stadtgebiet sieht er sich immer wieder mit Anrufern konfrontiert, die sich über Füchse oder Marder beklagen. «In ihren Gärten hört bei vielen die Toleranz auf. Ich versuche ihnen dann zu erklären, dass die Wildtiere vor ihren Neubausiedlungen da waren und wir mit ihnen zusammenleben müssen.» Calderara erlebt auch Skurriles. Wie die Geschichte einer älteren Frau, die sich bei dem Wildhüter über laute Marderschreie in ihrer Wohnung beklagte. «Immer um Mitternacht.» Calderara fand bei seinem Hausbesuch keinerlei Spuren. Er habe dann die Vermieterin der älteren Dame gebeten, einmal bis Mitternacht in deren Wohnung zu bleiben. Des Rätsels überraschende Lösung: Es schrie der auf Mitternacht gestellte Güggel-Wecker, den die Frau kürzlich geschenkt bekommen hatte.