Ein grandios schlechter Auftritt

RORSCHACH. Mit ihrem neuen Programm «Premiere» gastiert die wohl erfolgreichste Schweizer A-cappella-Gruppe Bliss im Würth-Haus Rorschach. Die sechs stürzen dabei in alle erdenklichen Abgründe einer Bühnenshow. Und begeistern damit.

Corina Tobler
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Musikalische Hochgefühle trotz Pannenpech: Viktor Szlovak, Christian Hiesch, Claudio Tolfo, Tom Baumann, Matthias Arn und Lukas Hobi (von links) begeistern mit ihrer verpatzten Show. (Bild: Corina Tobler)

Musikalische Hochgefühle trotz Pannenpech: Viktor Szlovak, Christian Hiesch, Claudio Tolfo, Tom Baumann, Matthias Arn und Lukas Hobi (von links) begeistern mit ihrer verpatzten Show. (Bild: Corina Tobler)

«Meine Damen und Herren, alles ist in Ordnung», versichert Kontratenor Claudio Tolfo gerade zum x-ten Mal zum belustigten Publikum. Schwindler. Er und die vier anderen anwesenden Bliss-Mitglieder stehen nervös schwitzend auf der Bühne im ausverkauften Carmen-Würth-Saal. Ihre Show «Premiere» sollte seit zwanzig Minuten in vollem Gang sein.

Stürze und andere Pannen

Doch von Christian Hiesch, dem zweiten Tenor der Gruppe, fehlt jede Spur. Und den Sängern gehen nach dem improvisierten mehrsprachigen Klassik-Medley, mit dem sie zehn der zwanzig verstrichenen Minuten überbrücken konnten, langsam die Ideen aus. Schliesslich wird's Tenor Lukas Hobi der Peinlichkeit zu viel. Er stürmt nach vorne: «Wir brechen ab.» Doch weder das Publikum noch die übrigen Sänger sind auf seiner Seite – schon gar nicht der ungarische Bass Viktor Szlovak. Ein Glück, dass der vermisste Hiesch es genau in diesem Moment doch noch auf die Bühne schafft, so dass die Premiere in gewohnter Bliss-Manier ihren Lauf nehmen kann. Das heisst: stilistisch breit gefächerte, energiegeladen präsentierte A-cappella-Musik voller Originalität und Humor. So wird «I Want You Back» der Jackson Five zum schweizerdeutschen Premieren-Song und zu raffiniert arrangierten Songs von Justin Timberlake oder Robbie Williams zeigen Bliss ihr ganzes Können. Doch das Glück währt nur kurz. Die Luftsprünge zum Rock-Medley sind für Claudio Tolfos Knie zu viel. Er singt zwar tapfer weiter und will sogar sitzend zum Wham-Hit «Wake Me Up Before You Go-Go» tanzen. Bis die Technik versagt. Das Lied wird zum Hustenkonzert im Nebel.

Auch das Publikum gegen Bliss

Da gibt's nur eins: Pause machen. In der Hoffnung, dass die Gruppe, die zwei erfolgreiche Soloprogramme hinter sich hat, die Kurve noch kriegt. Aber nein. Übermotiviert, die Blamage aus Hälfte eins wettzumachen, vergessen Bliss aufs Publikum zu warten. Und sagen den zu spät Kommenden die Meinung. «Voll peinlich» sei das, enerviert sich Christian Hiesch – ausgerechnet er. Doch es kommt noch schlimmer. Vor Nella Martinettis «Bella Musica», das sie im Gedenken einer verstorbenen Verehrerin aufführen müssen, die ihnen Geld vermachte, weisen Bliss das Publikum an abzuhauen. Was natürlich nicht befolgt wird. Entgegen aller Wünsche der Herren auf der Bühne lacht und klatscht das Publikum lautstark. Jetzt hat sich der ganze Raum gegen die Sänger verschworen. Da nützt es auch nichts, wenn die Baritone Matthias Arn und Tom Baumann zu einer umgetexteten Version von «Die da» der Fantastischen Vier ihren zweifelhaften Charme spielen lassen.

Verdiente Standing Ovations

Oder wenn sich Lukas Hobi bei «To Make You Feel My Love» alle Gefühle aus dem Leib singt. Mitten in der Ballade knallt eine Leiter zu Boden, der Vorhang reisst, ein Scheinwerfer fällt. Das schlechteste Konzert aller Zeiten? Weit gefehlt. Im Saal gibt's absolut verdiente Standing Ovations. Denn Bliss sind nicht nur gesanglich top, sondern zünden mit ihrem minutiös geplanten Pannen-Chaos eine Lachsalve nach der anderen. Grandios.

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