Ein Gottesdienst mit Jöh-Effekt

Tiersegnungsfeier

Nina Rudnicki
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Weihwasser und Leckerli: Der Pfarreibeauftragte Christian Leutenegger segnet Hunde im Kirchenzentrum St. Konrad in Wittenbach. (Bild: Michel Canonica)

Weihwasser und Leckerli: Der Pfarreibeauftragte Christian Leutenegger segnet Hunde im Kirchenzentrum St. Konrad in Wittenbach. (Bild: Michel Canonica)

«Leider kann ich Ihnen meine Hand nicht geben, sie ist vollgesabbert», sagt der Pfarreibeauftragte Christian Leutenegger nach der Tiersegnung am Samstag im katholischen Kirchenzentrum St. Konrad in Wittenbach. Einige Hundehalter und Hundehalterinnen stehen gerade vor ihm und bedanken sich bei ihm für den besonderen Gottesdienst.

Bereits draussen vor der Kirche wartet jener Berner Sennenhund, der die ganze Messe hindurch gebellt hat. Christian Leutenegger belohnt ihn trotzdem mit einem Leckerli. Denn beirren lassen hat er sich während seiner Predigt davon nicht. Im Gegenteil: Er hatte sich vor dem Gottesdienst sogar auf noch grössere Tiere eingestellt, auf Ponys und Esel etwa. Gekommen sind aber rund 15 Hündeler, eine Frau mit der Asche ihrer Katze in einer kleinen Urne, ein Bub und eine Frau mit ihren Hasen sowie etwa 25 Personen ohne Tiere. «Ich bin eine echte Katholikin und besuche auch sonst jeden Gottesdienst», sagt eine Frau. Neben ihr in der Kirchenbank sitzen zwei Seniorinnen. Beide würden Tiere über alles lieben und hätten zu Hause Stofftiersammlungen, fährt die Frau fort. Der Tiersegnungsgottesdienst sei für sie daher etwas Besonderes. Eine Frau mit einem Pudel sagt: «Mein Hund bedeutet mir alles, darum bin ich heute hier.» Die Tiersegnung war nicht Christian Leuteneggers Idee. Vielmehr wurde der Wunsch von Kirchenmitgliedern an ihn herangetragen. Er war sofort begeistert. «Ein Tiersegen hat ja immer auch etwas mit dem Tierhalter zu tun», sagt er. «Gesegnet sein heisst, dem Leben zu dienen. Das beinhaltet unsere Verantwortung der Natur und der Tierwelt gegenüber.» Es gehe dabei um Selbstreflexion, darum, über unser ambivalentes Verhältnis zu Tieren nachzudenken. «Einerseits verhätscheln wir sie, andererseits ist die Fleischproduktion so hoch wie nie zuvor.»

Während des Gottesdienstes rückt diese Selbstreflexion allerdings etwas in den Hintergrund. Zu sehr sind die Besucherinnen und Besucher vom Jöh-Effekt der Hunde abgelenkt. «Ohhh, da Püdeli», ruft ein kleines Mädchen verzückt. Und als der Organist die ersten Takte zu «Die Sonne hoch am Himmelszelt» anspielt und einige Hunde mitbellen, sind von den Sitzreihen leise Lacher zu hören. Für den Gottesdienst hat Christian Leutenegger Lieder und Gebete zusammengestellt, in denen es um Tiere geht. Von Reh, Fuchs und Igel über Löwen, Geparden und Zebras bis hin zu Mücken, Fliegen und Reptilien wird jedes Tier in einer Zeile genannt. Dann folgt die Segnung. Nachdem er alle Anwesenden gemeinsam gesegnet hat, geht der Pfarreibeauftragte mit einer Schale Weihwasser von Tier zu Tier. Die Tierhalter bekommen eine Kerze geschenkt. Einige zünden diese gleich an und stellen sie in den Kerzenhalter gleich neben dem Altar. Einem Mädchen hat Leu­tenegger Leckerli in die Hand gedrückt. Sie verteilt diese mit Stolz und hochkonzentriert. Jeder Hund wird so für die Segnung belohnt. Christian Leutenegger benetzt seinen Finger und zeichnet dann das Kreuzzeichen auf die Stirn des jeweiligen Tiers. Nur beim Berner Sennenhund klappt es nicht ganz. Der Hund dreht seinen Kopf hin und her und versucht Leuteneggers Hand abzulecken. Dieser wuschelt schliesslich einfach über die Hundestirn.

Nina Rudnicki

redaktiongo@tagblatt.ch