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Ein Flüchtling einer anderen Zeit

In diesen Tagen jährt sich zum 60. Mal der Ungarn-Aufstand von 1956. Die spontanen Demonstrationen, die am 25. Oktober 1956 gegen das Regime und die sowjetische Unterdrückung begonnen hatten, wurden am 4. November 1956 mit dem Einmarsch der russischen Armee brutal niedergeschlagen.
Otmar Elsener

In diesen Tagen jährt sich zum 60. Mal der Ungarn-Aufstand von 1956. Die spontanen Demonstrationen, die am 25. Oktober 1956 gegen das Regime und die sowjetische Unterdrückung begonnen hatten, wurden am 4. November 1956 mit dem Einmarsch der russischen Armee brutal niedergeschlagen. In dem darauffolgenden Ringen um die Freiheit verloren 2500 Ungarn ihr Leben, über 200 000 flohen in den Westen, viele davon in die Schweiz. Die Flüchtlinge wurden mit offenen Armen empfangen und im ganzen Land verteilt.

Einer der Flüchtlinge, ein junger Mann, fand Hilfe und Schutz in Rorschach. Imre Bencze, gewandt, athletisch, intelligent und mit offenem Blick, war 32 Jahre alt. Er schaute nicht zurück, sondern sah seine Zukunft in unserem Land. Er lernte rasch Deutsch und fand Arbeit als Kalkulator in der Starrag. Ehemalige Arbeitskollegen schildern ihn als sehr höflich, fleissig und hilfsbereit und betonen, dass er stets bestrebt war, sich in die schweizerische Lebensweise einzugliedern. Er suchte sportlichen Kontakt und wurde als guter Tennisspieler in den Tennisclub Rorschach aufgenommen. Tennis war damals noch kein Volkssport. Bencze zeigte den Rorschachern bald den Meister und gewann die Clubmeisterschaft. Er wurde zum lieben Kollegen und Spielpartner, immer ruhig und fair, und gehörte jahrelang zur Interclub-Mannschaft, bis mit der wachsenden Popularität des Tennissports die aufstrebenden jungen Spieler an ihm vorbeizogen.

All die Jahre hindurch lebte er bescheiden in einer Wohnung an der Thurgauerstrasse und freute sich an einem oft umstrittenen Hobby. Er spielte häufig und gern an den Spieltischen im Casino Bregenz, nie krankhaft spielsüchtig, sondern immer diszipliniert. «Weisst du, mal gewinnt man, mal verliert man», sagte er in seinem lieblichen ungarisch gefärbten Deutsch. Als 1989 in den friedlichen Revolutionen in den kommunistisch regierten Ländern der eiserne Vorhang fiel und sich die Grenzen öffneten, durfte Bencze erstmals wieder seine einstige Heimat besuchen. Zurück wollte er nie mehr, Rorschach war seine Heimat geworden. Nach seiner Pensionierung, er hatte 33 Jahre in der Starrag gearbeitet, begann ein Augenleiden seine Jahre im Ruhestand zu beeinträchtigen. Sein Augenlicht nahm immer mehr ab, er begann fast vollständig zu erblinden. Seine geliebten Spaziergänge am See unterliess er trotzdem nicht. Man sah ihn mit seinem weissen Stock den Weg auf eine Sitzbank beim Kornhaus suchen. Passanten und Freunde erkannte er nur noch an ihrer Stimme. Für viele Rorschacher bedeutete der Mann mit seiner warmen Ausstrahlung stets eine liebe Begegnung am Seeufer. Sie vermissten ihn, als er die letzten Monate seines Lebens im Rorschacher Altersheim verbringen musste, wo er doch sein Leben immer allein gemeistert hatte. Am 25. August ist Imre Bencze im Alter von 92 in Rorschach verstorben.

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