«Ein Eidgenosse in jeder Hinsicht»

In der Meienberg-Ausstellung am St. Galler Klosterplatz sprachen Paul Rechsteiner und Roger de Weck über das fruchtbar zwiespältige Verhältnis von Meienberg zur Schweiz und ihrer (Kriegs-)Geschichte.

Marcel Elsener
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ST. GALLEN. Niklaus Meienberg veränderte die Schweiz wie kaum ein anderer Schriftsteller oder Historiker. Mit seinen wichtigsten Texten – Ernst S., Bavaud, Wille – brachte er die «Wende in der Geschichtsschreibung» in Gang, wie sich Paul Rechsteiner und Roger de Weck einig waren. Meienberg schrieb an gegen die Machtverhältnisse und die Geschichtsklitterungen, weil er sein Land verzweifelt liebte. Mit dem «Hin und Her zwischen dem Kosmopolitischen und Kleinteiligen», zwischen Deutsch und Französisch sei er ein typischer Schweizer im «Alpenland von Reduit und Transit» gewesen, sagte De Weck, sogar «ein Eidgenosse in jeder Hinsicht».

Der Freiburger SRG-Generaldirektor und Publizist aus einer Patrizierfamilie und der St. Galler Ständerat und Rechtsanwalt aus einfachen Verhältnissen diskutierten am Dienstag in der Ausstellung zum 20. Todestag Meienbergs den Antrieb und die Wirkung des sprachgewaltigen Journalisten in einer bürgerlichen Schweiz, die den «Landigeist» im Kalten Krieg noch bis in die 1980er-Jahre bewahrte und «wider den elementaren Geist der Aufklärung» keinerlei Infragestellungen zuliess, wie De Weck sagte. Dabei brauche das «Projekt einer Willensnation» zwingend eine Auseinandersetzung und damit Leute, die es anzweifelten. In diesem Sinn habe Meienberg nachhaltig «Wesentlicheres zum Zusammenhalt des Landes geleistet» als jene, die dafür Mythen bemühten.

Konsequent von unten

Wie sehr seinem Weggefährten – Meienberg studierte in Fribourg, De Weck in St. Gallen, beide lebten zeitweise in Hamburg und Paris – die Schweiz am Herzen lag, belegte der Radio- und Fernsehchef mit der wütenden Reaktion auf einen Text von Gerd Bucerius: Der «Zeit»-Verleger hatte 1990 die Schweiz nebst Liechtenstein und Monaco als «Splitterstaat» bezeichnet. Meienberg entgegnete, die Schweiz habe «lange vor der Gründung des ersten deutschen BlutundEisenReichs ein recht gutfunktionierendes Staatsleben» gehabt und möchte «vorläufig nicht eingesplittert werden in Kohls own country». Die furiose Entgegnung schliesst mit dem ironischen Bekenntnis: «Was ich den Buceriussen nicht verzeihe: dass sie mich zwingen, nach langer Pause wieder Patriot zu werden – schweizerischer.»

Den heiklen Begriff des Patriotismus, «oft genug die letzte Zuflucht des Schurken», mochte Paul Rechsteiner nicht auf Meienberg anwenden. Vielmehr betonte der Gewerkschaftschef die «schlagende Wirkung» von Texten, die sich konsequent von unten gegen das «hermetische Herrschaftsdenken» der Mächtigen in Militär, Politik und Wirtschaft richteten. Meienberg habe den «einfachen Leuten eine Stimme gegeben» und gezeigt, «welcher Witz und kultureller Reichtum da vorhanden ist».

Ein solcher Journalismus fehle heute, statt als «Subjekte mit Würde» kämen gewöhnliche Menschen fast nur als Opfer oder dann als Delinquenten vor. Im Gegensatz zu De Weck, der vornehmlich mit dem poetischen, «zeitlosen», unbändig neugierigen und daher «nicht zynischen» Meienberg liebäugelte («fürs Ideologische war er zu kunterbunt»), pochte Rechsteiner auf den politischen Revolutionär und dessen «linken Blick».

Im besten Sinn überholt

Der SP-Politiker wie der Bankierssohn schätzen gleichermassen den Sprachkünstler, von dem auch späte Texte etwa über Botho Strauss oder Ernst Jünger zeitlos gut blieben. Auf die Frage von Moderator Stefan Keller, ob Meienberg gemäss einer Ausstellungsrezension nicht doch so «historisch» sei wie seine Stoffe, hatte De Weck eine denkwürdig positive Antwort zur Hand: Es gereiche einem Historiker doch zum Vorzug, wenn seine Arbeit überholt sei – eben weil er beigetragen habe, dass sich die Dinge veränderten. Das erneut sehr zahlreiche Publikum klatschte dankbar. Und die Fragen zu Meienberg gehen nicht aus.