Ein Dorf ist sprachlos

Untereggen steht unter Schock. Im Garten einer vermissten Frau wurde eine weibliche Leiche gefunden. Die Polizei sicherte auch gestern noch Spuren. Das Quartier wirkt verlassen. Und im Dorf herrscht bedrückende Stille.

Dominik Bärlocher / Lea Müller
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Die Spurensicherung durchsucht das Unteregger Grundstück, auf dem eine Frauenleiche im Garten einer Vermissten aus dem Dorf gefunden wurde. (Bild: Dominik Bärlocher)

Die Spurensicherung durchsucht das Unteregger Grundstück, auf dem eine Frauenleiche im Garten einer Vermissten aus dem Dorf gefunden wurde. (Bild: Dominik Bärlocher)

UNTEREGGEN. Im Quartier ist es ruhig. Die verregneten Strassen wirken ausgestorben. Nichts deutet darauf hin, dass die Polizei am Mittwoch eine Leiche aus einem Schacht geborgen hat – hinter dem Haus einer Frau, die seit Anfang Dezember vermisst wird. Nur ab und zu bewegt sich hinter einem Fenster ein Vorhang. Die Unteregger Bevölkerung hat sich zurückgezogen. Schulkinder gehen am Mittag schnurstracks nach Hause. Kein Gelächter, kein Geplauder. Im Haus oberhalb des Fundorts der Frauenleiche übt jemand auf einer elektrischen Gitarre, lässt sie aber nach wenigen Griffen verstummen. Aus einem offenen Küchenfenster heult kurz der Motor eines Staubsaugers. Dann wieder Stille.

Geräusche verursachen einzig die Polizisten und Mitarbeiter der Spurensicherung, die hinter einem dunkelgrauen Sichtschutz arbeiten. Auch sie haben kein Bedürfnis nach lauter Unterhaltung. Nur Satzfetzen dringen zu den wenigen Passanten durch. Die Männer in weissen Overalls mit dem Wort «Polizei» auf dem Rücken tragen graue Kisten ins Haus.

Gespräch nur unter Einwohnern

Über die Tragödie sprechen wollen die wenigen Unteregger auf der Strasse nicht – stumm wehren sie Fragende ab. Dennoch ist das Tötungsdelikt mitten in einem Wohnquartier das Gespräch des Tages.

Im privaten Kreis – aber nicht mit Aussenstehenden – wird diskutiert und getrauert. Etwa in der Wirtschaft zum Mittlerhof: «Die Leute stehen unter Schock», erzählt Wirtin Elsbeth Schiegg. Schon in den vergangenen 21 Tagen, seit eine Frau aus Untereggen als vermisst gilt, sei im Dorf viel spekuliert worden.

Dass die Vermisste ihre Familie verlassen habe, glaubten viele Unteregger aber nicht. «Sie galt als sehr fürsorgliche Mutter einer Vorzeigefamilie», erzählt die Wirtin. «Mir tun ihre drei Kinder so unendlich leid.» Auch in der Wirtschaft zum Schäfle ist die Stimmung gedrückt. Nur wenige Tische sind an diesem Mittag besetzt. «Ich kann es noch gar nicht glauben», sagt Ruth Geisser. «Solche Tragödien kommen in Krimis vor, aber doch nicht bei uns in Untereggen.»

Treffen für Betroffene

Auch Gemeindepräsident Roger Böni ist sichtlich mitgenommen. «Wir haben mit vielem gerechnet, aber nicht mit einem Tötungsdelikt», sagt er. Die Betroffenheit im 1000-Seelen-Dorf sei gross, denn viele Einwohner hätten die Familie gekannt. Deshalb haben die Gemeindebehörden in Zusammenarbeit mit den Kirchgemeinden ein Treffen organisiert. Gestern abend hatten Bewohner in der Kirche Gelegenheit, über die Tragödie zu sprechen, zu schweigen oder eine Kerze für das Opfer anzuzünden.