Ein Dadaist an der Spitze der Stadtmusik

Mit Tagesschritten schreitet das Dadajahr voran. Der «Tages-Anzeiger» hat durchgezählt, seit Januar stellt er in einer Serie kurzer Porträts Exponenten der Dada-Szene vor. Da taucht als Nummer 147 ein überraschender, ein für St.

Beda Hanimann
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Hans Heusser, 1892–1942. (Bild: pd)

Hans Heusser, 1892–1942. (Bild: pd)

Mit Tagesschritten schreitet das Dadajahr voran. Der «Tages-Anzeiger» hat durchgezählt, seit Januar stellt er in einer Serie kurzer Porträts Exponenten der Dada-Szene vor. Da taucht als Nummer 147 ein überraschender, ein für St. Gallen interessanter Name auf: Hans Heusser, legendärer und beliebter Dirigent der hiesigen Stadtmusik von 1924–1942 und Komponist von Marschmusik-Evergreens wie dem St. Galler Marsch oder «Feurig Blut». Der Blasmusikdirigent ein Dadaist? Spannend!

Drei Phasen, drei Stichworte

Details zu Hans Heussers Biographie sind rar, und die verfügbaren zeigen: Das Leben des 1892 in Zürich geborenen und 1942 in St. Gallen verstorbenen Heusser gliedert sich in drei fast eigenständige Lebensphasen und drei Stichworte: Ausbildung, Dadaismus, Blasmusik.

Nach der Ausbildung am Konservatorium Zürich in den Fächern Chorgesang, Orgel, Klavier und Violine setzt Heusser das Studium in Paris fort. Er ist Schüler von Claude Debussy und des Orgelvirtuosen Charles Marie Widor. Später arbeitet er als Korrepetitor und Dirigent am Pariser Theater.

Schlüsselfigur bei Dada

Heussers erste Kompositionen sind Vokalwerke. In den 1910er-Jahren, zurück in Zürich, schreibt er Kammermusik, etwa eine «Danse orientale» oder eine Komposition für Klavier mit dem Titel «Certosa di Pavia». Und er gerät in den Bannkreis der Dada-Bewegung. Er habe zwar nie zum eigentlichen Kern gehört, schreibt Werner Schüepp in seinem Kurzporträt im «Tages-Anzeiger», aber er habe eine «durchaus wichtige Rolle» gespielt. Peter Dayan bezeichnet Heusser in einer Publikation von 2015 als «Zurich Dada's Forgotten Music Master» und als Schlüsselfigur der Dada-Soirées zwischen 1916 und 1919.

Ab 1916 spielt Heusser regelmässig im Cabaret Voltaire. In fast allen Soirées seien auch eigene Werke erklungen, berichtet Dayan. Höhepunkt ist am 25. Mai 1917 die ausschliesslich mit eigenen Kompositionen bestückte «Soirée Hans Heusser», mit der er laut Schüepp «einiges Aufsehen» erregt. Über Heussers Zürcher Leben ausserhalb von Dada ist praktisch nichts bekannt, wie Dayan schreibt.

Frauenschwarm in St. Gallen

Nach der Blüte Dadas in Zürich beginnt die dritte Phase in Heussers Leben. Er entdeckt die Blasmusik und dirigiert den Musikverein Balsthal und die Stadtmusik Grenchen. 1924 wird er als Musikdirektor nach St. Gallen berufen. Er übernimmt die Stadtmusik, leitet aber auch andere Blasmusikformationen wie die Bürgermusik Gossau. Daneben ist er als Chorleiter und Organist tätig.

«Hans Heusser war fachlich sehr kompetent, zackig und ein wahnsinnig beliebter Dirigent – vor allem bei den Frauen», weiss Bobby Feurer, der später während vielen Jahren Präsident der Stadtmusik war. Wenn Heusser an der Linsebühl-Orgel Dienst hatte, dann sei die Empore jeweils voll von jungen Frauen gewesen (zu denen auch Feurers Mutter gehört hatte). Und am Kinderfestumzug habe man sich zugeraunt: «Da kommt der Heusser!» Und nicht etwa: «Da kommt die Stadtmusik.»

Lebenslust und Erfolge

Heusser scheint die Beliebtheit und das Leben in St. Gallen genossen zu haben, man darf sich den ledig gebliebenen Musiker wohl als Lebemann vorstellen. Nach Festen oder Auftritten sei er zusammen mit Präsident Rüetschi stets der letzte gewesen, der den Heimweg angetreten habe, sagt Feurer. Die Lebensfreude muss auch den Verein beflügelt haben. «Das Orchester gilt als das erste der Schweiz», schreibt die «Wiener Zeitung» 1932 anlässlich einer Tournée.

Neben seiner Dirigententätigkeit komponiert Heusser fleissig. Sein Hauptwerk bleibt die «Russische Rhapsodie» von 1929, daneben entstehen vor allem Märsche, die bis heute zum Standardrepertoire der Blasmusikszene gehören: Der St. Galler Marsch, «Feurig Blut», «Flamme empor», «Locarno».

Die erste und die letzte Probe

Eine besondere Erinnerung verbindet Josef Eigenmann mit Hans Heusser. Der heute 95-Jährige tritt im Herbst 1942 der Stadtmusik bei, und das Schicksal will: Seine erste Probe in St. Gallen ist des legendären Dirigenten letzte. Am 27. Oktober 1942 stirbt Hans Heusser, gut zwei Monate nach seinem 50. Geburtstag.