Ein Blick in die Stadt der Zukunft

Jeder Quadratmeter zählt, doch trotz aller Verdichtung sollen die Grünflächen in den Quartieren nicht verschwinden. Ein Rundgang durch den Grünzug Ost, vom lärmigen Buswendeplatz Neudorf bis zur Wiese beim Naturmuseum.

Roger Berhalter
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Kein Platz zum Verweilen: Der Buswendeplatz Neudorf. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Kein Platz zum Verweilen: Der Buswendeplatz Neudorf. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Autos brausen auf der Rorschacher Strasse vorbei. Alle paar Minuten hält ein Bus und lädt seine Passagiere an der Haltestelle Neudorf ab. Peter Heppelmann sitzt auf einer Bank direkt an der Hauptstrasse. Er hatte keine Mühe, einen freien Sitzplatz zu finden. «Hier verweilt man nicht. Man kommt an und fährt weiter.»

Heppelmann ist Landschaftsarchitekt. Er leitet die Abteilung Natur und Landschaft im Stadtplanungsamt. Er sagt «ökologisch wichtige Vernetzungselemente», wo andere nur Bäche und Büsche sehen. Er sagt «enge soziale Gemeinschaften», wenn der Laie nur Schrebergärten erkennt. Der Landschaftsarchitekt zückt Pläne, auf denen Flächen eingefärbt und Linien eingezeichnet sind. Es sind schematische Skizzen vom Osten der Stadt, wie er einmal sein könnte. Die am Projekt Grünzug Ost beteiligten Planer denken in Zeiträumen von 15 Jahren und länger. Auf ihren Plänen sieht man die Stadt St. Gallen der Zukunft.

Am Buswendeplatz Neudorf zieht Heppelmann eine Illustration hervor. Sie zeigt das Areal als offen gestalteten Platz mit Fusswegen, Sitzbänken und Baumgruppen. Blickt man von der Illustration auf, sieht man hingegen Autos, Parkplätze, einen alten Kiosk, Asphalt. «Hier von einem Platz zu sprechen, erfordert einige Phantasie», sagt Heppelmann.

Der Grünzug Ost erfordert in der Tat einige Phantasie. Denn das Stadtentwicklungsprojekt – zu dem auch der Buswendeplatz Neudorf gehört – existiert erst auf dem Papier: Der Osten der Stadt zwischen dem Höchsterwald und Burenbüchel soll zum durchgängig vernetzten und erlebbaren Grünraum werden (siehe Infokasten). Noch ist der Grünzug aber ein Mosaik, dem viele Steinchen fehlen. Die Planer möchten diese Teilchen nach und nach zusammenfügen, so dass Fussgänger möglichst ohne Umwege spazieren können.

Jede Sanierung ist eine Chance

Mit jedem Schritt nimmt der Lärm der Rorschacher Strasse weiter ab. Heppelmann biegt von der Martinsbruggstrasse ab und spaziert durch den offenen Eingang der Sportanlage Krontal. «Dieses Tor ist in der Regel zu.» Normalerweise müssen Fussgänger hier auf die Strasse ausweichen; die Anlage ist rundum mit einem Gitterzaun abgeschottet. Bald könnte sich aber eine andere Möglichkeit auftun. Die Überbauung zwischen Sportplatz und Fuchsenstrasse soll nämlich neu entwickelt werden. «Das ist unsere Chance», sagt Heppelmann und zieht einen seiner Pläne hervor. In Zukunft könnten Fussgänger dem Sportplatz entlang auf einem neuen Weg spazieren. Auch der heute noch unterirdische Bach soll dann an der Oberfläche fliessen. Diese Verbindung ist ein weiterer Baustein des Grünzugs Ost. Dereinst können Fussgänger mehr oder weniger im Grünen vom Burenbüchel an der Sportanlage Krontal vorbei bis zu den Familiengärten Blumenwies flanieren – soweit der Plan. Auch er erfordert noch etwas Phantasie, ist aber keine Vision mehr: Der Fussweg im Krontal ist schon als konkrete Massnahme im regionalen Richtplan aufgeführt.

Familiengärten unter Druck

Auf dem Weg durch die Familiengärten Blumenwies knirschen die Schuhe im Kies. Maisstengel und Sonnenblumen strecken sich zum Himmel, Frauen mit Kopftüchern sitzen im Schatten. Familiengärten sind für den Landschaftsarchitekten ein aktuelles Thema. Wenn jeder Quadratmeter zählt, geraten solche Freiflächen unter Druck. Der Grünzug Ost soll dem entgegenwirken: «Es geht um Lebensqualität. Darum, dass das Thema Frei- und Grünflächen bei aller Verdichtung nicht vergessen geht», sagt Heppelmann.

Doch die Stadt will mit dem Grünzug Ost nicht plötzlich neue Wege anlegen oder Privaten Vorschriften machen. Das Projekt bleibt vielmehr im Hintergrund – bis sich im Planungsgebiet baulich etwas ändert. «Dann können wir die Pläne des Grünzugs Ost vergleichend beiziehen», sagt Heppelmann. So sehe man stets das grosse Bild, das ganze Mosaik, selbst wenn gerade nur ein Steinchen gesetzt wird.

Die Wiese zwischen dem neuen Naturmuseum und der Kirche St. Maria Neudorf ist noch grün und leer. Doch bald werden hier Kinder durch einen neuen Naturgarten streifen, und Gäste aus der ganzen Region werden im Café auf der Terrasse sitzen. Dieser Freiraum ist ein weiterer Baustein des Grünzugs Ost. Die Planer haben aber nicht die Museumsbesucher im Auge, sondern vor allem die Quartierbewohner. Heppelmann redet wieder von der Stadt der Zukunft: «Bewegung und Erholung vor der eigenen Haustür, das wird immer wichtiger.»

Rundum mit Gitterzaun abgeschottet: Die Sportanlage Krontal. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Rundum mit Gitterzaun abgeschottet: Die Sportanlage Krontal. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Noch grün und leer: Die Wiese neben dem neuen Naturmuseum (links). (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Noch grün und leer: Die Wiese neben dem neuen Naturmuseum (links). (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Freiflächen unter Druck: Die Familiengärten Blumenwies. Bilder: Urs Bucher (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Freiflächen unter Druck: Die Familiengärten Blumenwies. Bilder: Urs Bucher (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))