Ein Barista für Geschichten

Seit fünf Jahren braut Gallus Hufenus im Kaffeehaus im Linsebühl einen Kaffee, der Randständige ebenso wie Gourmets begeistert. Seine Passion für Geschichten kommt im «verpönten Quartier» ebenfalls voll zum Zug.

Kathrin Reimann
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Gallus Hufenus in seinem Kaffeehaus mit eigener Spezialitätenrösterei. (Bild: Urs Bucher)

Gallus Hufenus in seinem Kaffeehaus mit eigener Spezialitätenrösterei. (Bild: Urs Bucher)

Die Szene, die sich hinter dem Tresen abspielt, treibt jedem Kaffeeliebhaber die Tränen in die Augen: Da zischt die Maschine, die Zeit wird gestoppt, es wird gerochen, genippt und über die Fruchtnote und den Säuregehalt diskutiert.

Gallus Hufenus betreibt seit fünf Jahren das Kaffeehaus im Linsebühl. In dieser Zeit ist er nicht nur zur Institution im Quartier, zum Kulturförderer und Utopien-Anstifter, sondern auch zum fanatischen Experten für das schwarze Getränk geworden. Mittlerweile röstet er sogar für Dritte. «Wir sind nicht ausgelastet und fertigen für andere Cafés eigene Mischungen an», sagt der 35-Jährige. «Ich glaube, das ist alles, was uns Kleinunternehmen bleibt: Mit einzigartigen Produkten – deren Herkunft man kennt – die Menschen in ihren Herzen zu berühren.» Und was dem exquisiten Kaffee noch das Schäumchen aufsetzt, sind Hufenus' Geschichten, die er über seine Kaffeebohnen und die Welt zu erzählen hat.

Kaffeehaus macht Stadt aus

Den St. Galler, der als Texter und Journalist tätig ist und sechs Sprachen spricht, zog es vor sechs Jahren des Tangos wegen nach Buenos Aires. Dort lässt er sich von der Kaffeehauskultur begeistern. «Solche Orte sind Eintrittsbillette in neue Welten, so wurde die Französische Revolution, Argentiniens Unabhängigkeit und viele andere Ideen in Kaffeehäusern geboren.» Ihm wird klar, dass eine Stadt erst eine Stadt ist, wenn sie über ein Kaffeehaus verfügt. «Zur Zeit der Stickereiblüte war St. Gallen urbaner und offener und verfügte über Kaffeehäuser mit internationalen Gästen und Zeitungen.» Als Hufenus den heutigen Sitz – ein ehemaliges Polizeirevier im Linsebühl – sieht, ist es sogleich um ihn geschehen: «Diese grossstädtische Grandezza mit den hohen Räumen und den grossen Fenstern hatte es mir angetan. Auch der Mietpreis stimmte, und das Quartier erschien mir interessanter als die Innenstadt.» Denn die Visionäre und Utopisten, die er ein und aus gehen sehen wollte, würden nicht ins fertig hergerichtete Umfeld passen.

Die Zeit der Nutten ist vorbei

Dass er mit seiner «Keimzelle der Veränderung» ausgerechnet ins Rotlichtviertel zieht, löst in Hufenus' Umfeld Kopfschütteln aus. Er selbst hat den Einzug ins aufstrebende Quartier mit Platz für Visionen nie bereut. Auch wenn er so halt manchmal anstrengende Gäste aus dem Quartier bedienen muss. «Bis vor kurzem kamen öfters die Nutten aus dem Haus gegenüber vorbei, leider ist das vorbei, da ihnen ihre Zimmer zu horrenden Preisen vermietet wurden und sie sich nun günstigere gesucht haben.»

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm Françoise, die jeweils in einem Hauch von nichts und darüber einen knallroten Mantel seine in internationale Zeitungen vertieften Kaffeehausgäste umgarnte und mit französischem Akzent behauptete: «Hier hat ja niemand Spass, schick deine Gäste zu mir rüber, Gallus. Dort gibt es Spass.» Manchmal habe die Prostituierte ihn auch versucht in die Geheimnisse ihres Metiers einzuführen, und als er an den Barista-Schweizer-Meisterschaften teilnahm, tauchte Françoise mit einem Plakat auf und feuerte ihn munter an. Als weitere kuriose Gäste des Kaffeehauses erwähnt Hufenus einen Russen mit Cowboyhut, der sich als Amerikaner ausgab, oder «Evita», die den Namen erhielt, weil sie den Stadtrat entlassen, Königin werden und Hufenus zum Minister ernennen wollte. «Hie und da kommen auch Leute aus der gegenüberliegenden Gassenküche vorbei. Sie sind – solange sie sich wie die anderen Gäste verhalten – willkommen.»

Die Mischung macht es aus

Dank eines bunt durchmischten Publikums würden sich im Kaffeehaus immer wieder schräge Szenen abspielen, was aber zum Quartier einfach dazugehöre. Dass sein «Luftschiff für Utopien» von Anfang an Anklang fand, hat Hufenus selber erstaunt: «Schon in der ersten Woche standen junge Designerinnen vor der Türe, die ausstellen wollten.» Er muss sich aber auch immer wieder mal bremsen vor lauter Ideen, denn er wolle zwar geliebt werden, würde sich dafür aber niemals verstellen und wolle es keinesfalls allen recht machen. «Aber es hat mir gezeigt: Das Bedürfnis für ein Kaffeehaus ist da!»

Zeichen gegen Faschismus

Gallus Hufenus, der als Politiker und Stadtführer tätig ist, hat seit der Eröffnung 284 kulturelle Veranstaltungen im Kaffeehaus durchgeführt. Es wurde getanzt, gelesen und natürlich wurden immer wieder Geschichten erzählt. Doch die Passion für Kaffee rückte immer mehr in den Vorder-, die Kultur in den Hintergrund. Doch auch der Kaffee steckt voller Geschichte, so ist der Löwe auf Hufenus' Kaffeemaschine – seinem Rolls-Royce, wie er sie liebevoll nennt – ein indirektes Statement gegen Faschismus. Doch dies ist eine lange Geschichte, wer sie oder eine der vielen anderen hören will, stellt sich am besten an die Kaffeehausbar, bestellt den besten Kaffee der Stadt und trinkt ihn «a piedi» – im Stehen – und «ascolto» – zuhörend am Tresen.