Ein Atelier mit geistigem Kern

Felix Stickel setzt sich mit der Bedeutung von Bildern auseinander. Mittlerweile ist er im «bezaubernden Haifischbecken der Malerei» angelangt. Hier arbeitet er langsamer, aber komplexer und sprengt mediale Grenzen.

Kathrin Reimann
Drucken
Teilen
Felix Stickel in seinem Atelier. Diese Nische ist der Ausgangspunkt all seiner Werke. (Bild: Hanspeter Schiess)

Felix Stickel in seinem Atelier. Diese Nische ist der Ausgangspunkt all seiner Werke. (Bild: Hanspeter Schiess)

Das Atelier zuoberst in der Reithalle ist gross und hell, Holzbalken ziehen sich der Decke entlang, überm Dachfenster wiegen Äste eines mächtigen Baumes. Ein Balkon und Fenster, die Blick über die Kreuzbleiche gewähren, runden den Raum ab. Für Felix Stickel ist es mehr als ein Raum. Es sind viele Nischen, die nicht nur der Malerei, sondern auch der Reflexion dienen.

Der Ausgangspunkt aller Bilder

In einer Nische thront ein bestickter Sessel. Die Wände sind mit Notizen beklebt, strukturiert und mit Post-its verbunden. «So beginne ich meine Arbeit hier fast immer: 15 Minuten lang schreibe ich Gedanken und Fragen auf», sagt Stickel. Manchmal stellt er einen Wecker, ehe er den «geistigen Kern» betritt. Denn auch freies Arbeiten brauche einen Plan. Seine Gedanken unterteilt er farblich. Eine signalisiert, was sich mit dem Thema «Was kann ein Bild?» auseinandersetzt, eine andere zeigt Gedanken, die sich um die Frage «Was ist ein Künstler?» drehen.

Auch Vorgehensweise, Realisierung, Materialien thematisiert er auf der Wand. «Wenn ich Materialien schichte, kann es sein, dass ich die Kontrolle über das Werk verliere und mich frage, was ich eigentlich mache.» Denn Malen sei Kontrollverlust: Es geschehe immer etwas anderes. Wenn er seine Arbeit hinterfragt, kehrt er in die Nische zurück und findet dort den Ausgangspunkt seiner Arbeiten, die Idee, die im Kern jedes Bildes steckt.

Daneben liegen Bilder, Fotografien, Skulpturen und Gegenstände auf dem Boden, etwa ein Bild von ihm aus Jugendtagen, ein Partyfoto von einer Ausgangsplattform, eine Fotografie seiner Grossmutter, eigene Skizzen und eine Bastelbogenburg. «Das sind einzelne Ideen, die ich abgelegt habe und daraus dann ein komplexes Bild schaffe. Es ist eine Suche nach einem Bild, das keine Kamera einfangen kann.» Das brauche seine Zeit, früher habe er zehn Bilder pro Tag gezeichnet, heute habe sich seine Malerei verlangsamt. «Aber das ist das Schöne; meine Kunst verändert sich ständig, aber nichts geht verloren. Alles, was ich bisher erarbeitet habe, fliesst beiläufig in meine Arbeit ein.»

Ordnung, Zufall und Muster

1979 wird Felix Stickel in St. Gallen geboren. Weder will er von klein auf Maler werden noch stammt er aus einer Künstlerfamilie. «Das hat sich alles so entwickelt, aber gezeichnet habe ich schon immer gerne.» Er studiert in Zürich an der Hochschule der Künste und lebt 14 Jahre dort, ehe er in die Heimat zurückkehrt. Nach dem Studium folgen längere Reisen, danach wendet er sich der Konzeptkunst zu, findet sich aber irgendwann in einer Sackgasse wieder. «Ich setzte mich damit auseinander, wie sich ein Bild generiert.» Seine Zeichnungen zeigen Systeme. Der Künstler, der an der Kantonsschule Bildnerisches Gestalten unterrichtet, thematisiert Kontrolle, Ordnung, Zufall und Muster. Zeichnung um Zeichnung entsteht. Sie füllen ganze Kommoden oder sind zusammengerollt im Atelier aufgetürmt. Trotz dieser Arbeitswut – täglich entstehen mehrere Bilder – stellt Stickel kaum aus. «Jedesmal wenn ich eine Ausstellung in Aussicht hatte, schuf ich wieder etwas Neues.» So bemalt er etwa die Decke eines Ausstellungsraumes oder die komplette Aussenfassade einer Remise. Stickels Kunst widmet sich zu einem späteren Zeitpunkt der Diversifizierung. Er kombiniert fein und wuchtig, malt nur noch mit Tusche, in Schwarz und Weiss. Die Bilder aus der Zeit erinnern an urbane Räume, doch man fragt sich, ob man nahe dran oder weit weg von ihnen ist. «Das ist bezeichnend für unsere Zeit: Die Frage, ob man zu weit weg oder zu nahe an etwas ist.»

Angelangt im Haifischbecken

Dann folgt die jetzige Phase der Farbe, der Malerei und der Schichten. Stickels Bilder werden grösser, er arbeitet mit Spraydose, sprengt mediale Grenzen zwischen Fotografie, Malerei und Zeichnungen und reisst Teile heraus. Der mittlerweile zweifache Familienvater sieht sich als Forscher und ist angelangt im «Haifischbecken der Malerei», wie er sagt. «Die Malerei wurde oft totgesagt, doch für mich stellt sie eine Steigerung der Komplexität im Bild und Material dar.» Bereits 2011 hat Stickel einen Werkbeitrag erhalten. Diese Preise sind nicht nur finanziell wichtig für den Künstler. «Ich arbeite hier im Atelier und frage mich, was ich eigentlich mache. Dann kommt jemand von aussen und teilt mir mit: <Das ist gut, mach weiter so.> Das ist sehr wichtig für mich.»