«Ein Abbild der Gesellschaft»

Bruno Fehr, Chef Kriminalpolizei der Kantonspolizei St. Gallen, relativiert die Zunahme der Gesamtkriminalität in der Schweiz: Zu einem Teil hänge sie mit einer neuen Zählweise zusammen.

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Bruno Fehr über Kriminaltouristen: «Auch wenn diese Gruppe, gemessen an der Gesamtzahl der Beschuldigten, relativ klein ist, fordert sie uns sehr stark.» (Bild: Urs Bucher)

Bruno Fehr über Kriminaltouristen: «Auch wenn diese Gruppe, gemessen an der Gesamtzahl der Beschuldigten, relativ klein ist, fordert sie uns sehr stark.» (Bild: Urs Bucher)

Herr Fehr, nur schon im Vergleich zum Vorjahr zeigt die Kriminalstatistik 2012 kein schönes Bild. Einverstanden?

Bruno Fehr: Kriminalität als Abbild menschlichen Fehlverhaltens kann natürlich nie ein schönes Bild ergeben. Es ist aber tatsächlich so, dass wir gesamtschweizerisch eine Zuwachsrate von 9 Prozent bei der Gesamtkriminalität haben.

Diese Zunahme von 9 Prozent gesamtschweizerisch, das entspricht mehr als 52 000 Fällen. Erschreckt Sie das nicht?

Fehr: Nein, es erschreckt mich nicht. Die Kriminalität ist nun mal eine Realität; sie gehört zur Gesellschaft. Die Statistik ist sehr stark geprägt durch die Art der Zählung. Es wird nämlich jedes Delikt als solches erfasst. Wenn es also zum Beispiel zu einem Raufhandel mit zehn Beteiligten kommt, dann werden neu und anders als früher zehn Straftaten erfasst. So hat der Zuwachs auch zu einem gewissen Teil seinen Grund in der neuen Zählweise. Man kann es so sagen: Es ist zwar keine positive Entwicklung bei der Kriminalität generell zu verzeichnen, aber die Zunahme ist nicht so drastisch, dass etwa die Sicherheit der Schweiz massgeblich beeinträchtigt wäre.

Wenig erstaunt die Zunahme bei den Diebstählen: plus 11 Prozent. Wohl eine Folge des Arabischen Frühlings?

Fehr: Ein Teil davon ist sicher darauf zurückzuführen. Wenn man die Delikte allerdings differenziert anschaut, sieht man, dass es in dieser Beschuldigtengruppe in erster Linie Ladendiebstähle sind, einfache Diebstähle, Sachbeschädigungen, zum Teil Körperverletzungen durch Auseinandersetzungen in diesen Gruppierungen. Entscheidend hat die Delinquenz der Asylbewerber die Kriminalstatistik jedoch nicht geprägt.

Kann man davon ausgehen, dass die Zahl dieser Delikte sinkt, wenn die Zahl der Asylbewerber zurückgeht?

Fehr: Punktuell sicher. Es ist seit Jahren so, dass Menschen mit Migrationshintergrund und aus dem Asylbereich einen Teil der Kriminalität verursachen. Das ist aber nicht so signifikant, wie das in der Bevölkerung – nicht zuletzt aufgrund der Medienberichte – wahrgenommen wird.

Auch bei der sogenannten nichtständigen Wohnbevölkerung hat die Zahl der Diebstähle und Einbrüche zugenommen. Da fällt uns das Wort Kriminaltouristen ein. Wie sehr beschäftigt Sie denn diese Klientel?

Fehr: Auch wenn die Gruppe jener, die keinen festen Wohnsitz in der Schweiz haben, relativ klein ist – wir rechnen mit circa 15 Prozent Anteil an der Gesamtzahl der beschuldigten Personen, fordert sie uns tatsächlich sehr, sehr stark. So erweisen sich etwa die Ermittlungen im Einbruchbereich als zunehmend schwieriger. Früher war die Mehrheit der Täter ortsansässig, heute ist es nahezu umgekehrt. Die Täterschaft ist vielleicht heute in Freiburg, morgen in einem anderen Kanton und übermorgen in St. Gallen aktiv; und sie geht auch zunehmend arbeitsteilig vor bei der Tatbegehung und vor allem beim Absatz der Beute. Dies fordert das föderal aufgebautes Polizei- und Justizsystem der Schweiz in hohem Mass.

Es gibt Politiker, die «Schengen» für diese Entwicklung verantwortlich machen. «Schengen» aus Ihrer Sicht?

Fehr: «Schengen» ist in bezug auf die internationale Fahndung, vor allem durch das Schengener Informationssystem, sicher ein Gewinn. Die Kriminalität hat durch «Schengen» bestimmt nicht entscheidend zugenommen – weder im grenznahen Bereich noch in einer transnationalen Dimension.

Zu den Einbrüchen: Es vergeht eigentlich kein Tag, ohne dass die Polizei mindestens einen Einbruch meldet. Man gewinnt den Eindruck, wir alle seien hilflos: die Bevölkerung, die Polizei.

Fehr: Dieser Eindruck kann entstehen, und die absoluten Zahlen sind sicher hoch. Die Polizei versucht, mit der Beratung von Eigentümern von Liegenschaften für den Einbruchschutz, aber auch durch ihre Präsenz, Überwachungsmassnahmen und gezielte Ermittlungen der Spezialdienste mit operativen Einsätzen dagegenzuhalten. Wichtig aber ist in diesem Bereich auch die soziale Kontrolle, die Verantwortung für das Umfeld, in dem wir leben, vor allem bei Abwesenheit von Nachbarn.

Wie man hört, sind der Polizei im Präventionsbereich die Hände gebunden: Kontrolliert sie ein ausländisches Fahrzeug und findet ein Stemmeisen, muss sie die Leute laufen lassen, wenn daneben nicht auch noch eine Sturmhaube liegt. Im Kanton Basel-Landschaft klagt die Polizei, dies sei im vergangenen Jahr nicht weniger als 190mal der Fall gewesen. Was fordern Sie hier?

Fehr: Wir verfügen seit dem 1. Januar 2011 über eine moderne Strafprozessordnung, die einem Rechtsstaat wie der Schweiz angemessen ist. Die Kehrseite: In bezug auf die Aufarbeitung des Deliktsverdachts muss sehr viel mehr etwa an Dokumentation geleistet werden. Das führt zu einer Mehrbelastung bei unseren Leuten von über 15 Prozent im Vergleich zu früher. Diese Ressourcen stehen somit nicht mehr für die eigentliche kriminalpolizeiliche Arbeit zur Verfügung. Wenn es dann noch zu Entscheiden der Staatsanwaltschaft kommt, die für unsere Leute vielleicht nicht auf Anhieb nachvollziehbar sind, dann kann das durchaus zu Frustrationen führen.

Also ist die Politik gefordert!

Fehr: Die Politik hat das Problem aufgenommen. Sie ist sich bewusst, dass dieser Mehraufwand analysiert werden muss. Mehr Ressourcen werden den Polizeikorps in der Schweiz in naher Zukunft kaum zur Verfügung stehen. Also muss man sich vertieft damit auseinandersetzen, wie Täterrechte kontra Strafverfolgung und Aufklärung in ein gutes Verhältnis zu bringen sind.

Nicht erfreulich ist auch stets die hohe Zahl der Gewalttaten, besonders der schweren Körperverletzung. Haben Polizeipraktiker wie Sie Erklärungen dafür?

Fehr: Verrohung der Gesellschaft, Anonymisierung, Menschen, die in ihrer eigenen Welt leben und dann Gewalttaten begehen, für die es fast keine Erklärung gibt. Denken Sie an Daillon im Wallis, an Menznau. Ursächlich ist aber sicher auch unsere 24-Stunden-Gesellschaft in Verbindung mit dem Alkohol. Gerade der Alkohol bringt Grenzüberschreitungen insbesondere im Gewaltbereich. Auch stellen wir fest, dass Werte wie Respekt – etwa unseren Mitarbeitern gegenüber – nicht mehr allgemeingültig zu sein scheinen.

Es erstaunen die vielen Velodiebstähle: rund vier Fünftel aller Fahrzeugdiebstähle. Es scheint, Velodiebstahl wird als Kavaliersdelikt angesehen.

Fehr: Das ist tatsächlich so. Das Velo ist zu einem Gebrauchs- und «Konsumgut» geworden. Früher hat ein Velo einen Menschen ja ein Leben lang begleitet, heute wird es benutzt, dann stehen gelassen, entwendet und durch die Versicherung ersetzt. Die frühere Bindung zwischen Velo und Besitzer ist nicht mehr vorhanden.

Interview: Richard Clavadetscher

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